Wo ist mein Kind?

Foto: glasseyes view/Flickr

Wie das niedersächsische Bildungssystem das Kind aus den Augen verliert.

Sie hat viele Aufgaben, die nicht zu ihrem Beruf gehören.  „Ich wasche Wäsche, drucke Fotos aus, gieße Blumen und bin Kassenwart“, sagt die Erzieherin aus Niedersachsen, die anonym bleiben will, und nennt damit nur einige Beispiele aus ihrem Arbeitsalltag. Sie fühlt sich nicht wert geschätzt. Sie hat einen staatlich anerkannten Fachschulabschluss erworben und ist darauf spezialisiert (sowie rechtlich verpflichtet) Kinder dabei zu unterstützen, sich zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu entwickeln. Die Situation in Niedersachsen ist symptomatisch für die frühkindliche Bildung in der Bundesrepublik. Deutschland nennt sich selbst das „Land der Ideen“, das frühpädagogische Fachpersonal aber wird an der Umsetzung seines politischen und gesellschaftlichen Auftrages gehindert. Und so fühlen sich viele Pädagog_innen in der frühkindlichen Bildungslandschaft  mit Füßen getreten.

Das kindliche Spielen und Erforschen wird vernachlässigt

„Alle schriftlichen Aufgaben liegen mir ständig auf der Seele, ohne sie vollständig oder auch zur eigenen Zufriedenheit erledigen zu können“, sagt eine weitere Erzieherin und meint damit insbesondere die Dokumentation kindlichen Verhaltens, die sehr viel Schreibarbeit verlangt. Die eigentliche Arbeit bleibt hinter hauswirtschaftlichen Tätigkeiten und Schreibarbeiten sowie unvorhersehbaren Vertretungsaufgaben zurück. Es bleibt keine Zeit für das Kind, das weinend Unterstützung bei der Bewältigung des täglichen Abschiedsschmerzes von seinem Vater sucht und keine Zeit für das selbst Erforschen lassen von Antworten auf die kindliche Frage: „Wo ist eigentlich der Wind, wenn er nicht bläst?“ Das ständige Verneinen der Frage „Hast Du Zeit mir ‚Raupe Nimmersatt’ vorzulesen?“ macht auf Dauer Kind und Fachkraft unzufrieden. Die Reformpädagogin Maria Montessori schreibt, dass „die Aufgabe der Umgebung nicht ist, das Kind zu formen, sondern vielmehr ihm zu erlauben, sich frei zu entfalten“. Auch Friedrich Sieburg vermutet, dass „der Mensch solange er spiele, frei sei“. Diese Ideen gehen verloren, indem wir das kindliche Spiel vernachlässigen. Der Wert der Kindheit gerät langsam in Vergessenheit.

Doch woher kommt dieses Ungleichgewicht, das sowohl Fachkräfte stresst, als auch Kinder unruhig werden lässt?

Claas Löppmann ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und studiert BA Bildung und Erziehung im Kindesalter in Hildesheim. Er praktiziert in mehreren niedersächsischen Kindertagesstätten.

Die Fachkräfte sind unterbesetzt und überlastet              

Nach dem bundesweit geltenden Achten Sozialgesetzbuch (§24 Abs.1) hat „ein Kind vom vollendeten dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt Anspruch auf den Besuch einer Tageseinrichtung“.

Wie die Kinder betreut werden sollen, wird im sogenannten Orientierungsplan beschrieben. Niedersachsen hat im Jahr 2005 den bis heute gültigen Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder herausgegeben. Dieser hat einen empfehlenden Charakter und wünscht die Umsetzung von neun unterschiedlichen Lernbereichen, wie zum Beispiel Körper-Bewegung-Gesundheit, Sprache und Sprechen, ästhetische Bildung und viele mehr. Ich schätze diese Lernbereiche sehr und es kribbelt jedes Mal wieder in meinem „Pädagogenbauch“, wenn ich diese Empfehlungen und wertvollen Gedanken dazu lese. Dahingegen ballen sich meine Fäuste, wenn ich sehe, dass die Politik zwei Fachkräfte 22 Kindern gegenüberstellt; es eine viel zu geringe Stundenanzahl an Verfügungskräften bei Urlaub, Krankheit, oder Fortbildung gibt; die jährlichen Gelder, die für Materialien pro Kind  kalkuliert werden, gegenüber dem realen Bedarf verschwindend gering sind  und ein ganzes Team pro Gruppe nur sieben Stunden in der Woche  zur Vorbereitung der pädagogischen Arbeit unter sich aufzuteilen hat (inklusive Dienstbesprechungen). Dieses  überfrachtete System soll nun auch noch die eigentlich sinnvolle Inklusion leisten, ohne dafür signifikant besser ausgestattet zu werden. Die Fachkräfte bezahlt man mit einem Gehalt, das entweder nach einem sehr minimalistischen Leben oder einem gut verdienenden Lebenspartner verlangt.

Es gibt Hoffnung

Doch es gibt Hoffnung: Ein Ansatz, der meines Erachtens vielversprechend ist, ist die langsame Akademisierung frühpädagogischer Berufe. Dadurch wird die Arbeit aufgewertet und gesellschaftlich anerkannt. Zudem entsteht eine stärkere Lobby für die frühkindliche Bildung. Im Fortschrittsforum „So wollen wir leben“, an dem die Friedrich-Ebert-Stiftung maßgeblich beteiligt war, formuliert man die Forderung nach einer Erhöhung des Personalschlüssels und einer Steigerung des Einkommens von Erzieher_innen. Toll wäre, wenn sich diese Ideen verwirklichen und es weitere Unterstützer_innen gibt, die das Thema in ihren Netzwerken ansprechen, Politker_innen darüber informieren und bei Verwandten mit Kind nachfragen, wie es bei ihnen läuft. Außerdem müssten sie natürlich die Rahmenbedingungen der Betreuung schaffen, Bildung und Erziehung des eigenen Kindes/der eigenen Kinder in der Tageseinrichtung zu hinterfragen. So können wir alle verhindern, dass unsere Kinder verloren gehen und sie ihr Recht auf Kindheit zurückerlangen.

 

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