Schule verändern

Foto: mkorsakov/Flickr

In der Schule stecken die größten Hürden für die Bildungsgerechtigkeit in unserem Schulsystem. Doch wie muss man sie verändern, damit mehr Bildungsgerechtigkeit herrscht und Schüler_innen nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen gefördert werden? Die Antworten der Parteien auf diese Fragen präsentieren wir im dritten Teil unserer Wahlprüfsteine.

Lernen ist ein individueller Prozess!

Frage: Mit welchen Maßnahmen kann diese schon alte Erkenntnis endlich in den Schulen (Lehrpläne, Stundentaktung, Unterrichtsstruktur) bzw. im gesamten Bildungssystem ankommen?

CDU/CSU streben einen „bedarfsgerechten Ausbau der Schulen zu Ganztagsschulen an, in denen durch Verteilung des Unterrichts auf den ganzen Tag mehr Flexibilität für individuelle Unterrichts- und Schulzeitgestaltung geschaffen wird“.

Die SPD sieht individuelle Förderung als Ausgleich für die soziale Selektivität im Bildungssystem. Dies möchte sie vor allem über eine qualitative Weiterentwicklung von Ganztagsschulen erreichen. Vor- und Nachmittagsangebote müssen laut SPD stärker verzahnt, individuelles Lernen weiterentwickelt und ausgeweitet werden.

Die FDP möchte Bildungseinrichtungen vor Ort möglichst viel Eigenständigkeit geben, damit diese in Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen „die ihnen übertragenen Aufgaben zur Zufriedenheit aller am Schulleben Betroffenen (insbesondere Schüler, Eltern, Lehrer) erfüllen“. Über individuelle Förderung äußert sie sich nicht weiter gehend.

Auch die LINKE sieht individuelle Förderung als Möglichkeit, Benachteiligungen und Beeinträchtigungen auszugleichen. Sie fordert „selbstbestimmtes und gemeinschaftliches Lernen in heterogenen Gruppen, neigungsorientierte und leistungsbezogene Förderung,  Zusatzangebote im Wahl- und Wahlpflichtbereich usw.“. Ein besonderes Augenmerk legt sie auf eine qualitativ hochwertige Ausbildung von Personal und gebundene Ganztagsschulen. Leistungsmessung muss für die LINKE jenseits der Abfrage von Wissensbeständen erfolgen.

Die GRÜNEN möchten Kinder länger gemeinsam lernen lassen und individuell fördern. Allerdings soll dies nicht politisch vorgegeben werden, sondern von unten wachsen. Zur individuellen Förderung gehören für sie das Aufbrechen des 45-Minutentaktes und die Ganztagsschule.

Was bildet ihr uns ein? meint: Individuelles Lernen ist wahrscheinlich die wichtigste Komponente, um unser Bildungssystem sozial durchlässiger, gerechter und den jungen Menschen besser gerecht werdend zu gestalten. Es muss konsequent umgesetzt werden und darf auch etwas kosten – das Ergebnis lohnt allemal. Bereits im Lehramtsstudium muss dies konsequent vermittelt werden.

Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, die Toleranz, gegenseitiges Verständnis und Zusammenhalt predigt!

Frage: Wie stehen Sie zum gegliederten Schulsystem? Wie sieht für Sie die Schule aus, in der die Kinder das tolerante Miteinander im Alltag erlernen können? Wie sollte Ihrer Meinung nach Inklusion in den Schulen umgesetzt werden?

Die LINKE möchte das gegliederte Schulsystem überwinden und Gemeinschaftsschulen etablieren, an denen Schüler_innen unabhängig von ihren Begabungen und Beeinträchtigungen gemeinsam in einem individualisierten Unterricht lernen. Gemeinschaftsschulen sollen auch inklusiv sein.

Die CDU/CSU möchte „jedes Kind entsprechend seiner Möglichkeiten bestmöglich fördern und fordern“. Sie wertschätzen den christlichen Religionsunterricht als Ort der Wertevermittlung und möchten Förderschulen erhalten, „wo dies im Interesse der Kinder mit besonderem Förderbedarf liegt“.

Die FDP „setzt sich für die selbstverwaltete und eigenverantwortliche Schule ein“ und wehrt sich gegen ein „staatlich aufoktroyiertes Einheitsschulsystem“. Schulen sollen sich gesellschaftlichen Herausforderungen in Eigenverantwortung stellen.

Die GRÜNEN möchten flächendeckend barrierefreie Ganztagsschulen aufbauen und dies, gemeinsam mit den Ländern, über ein zweites Ganztagsschulprogramm realisieren. Kitas und Schulen sollen dazu befähigt werden, gemischte pädagogische und sozialpädagogische Teams aufzubauen, „damit bisherige Sonder- und Förderschulen perspektivisch entbehrlich werden oder sich für alle Kinder öffnen“.

Die SPD will „allen mehr Raum und Zeit für gemeinsames und inklusives Lernen geben“. Ganztagsschulen sollen bedarfsgerecht ausgebaut, bestehende Angebote verbessert werden. Inklusion spielt für sie im gesamten Bildungswesen eine zentrale Rolle.

Was bildet ihr uns ein? meint: Eine Schule für alle ist eine zentrale Forderung von uns. Es reicht jedoch nicht aus, die Schule – so wie sie derzeit gedacht und praktiziert wird –  in eine neue Form zu gießen. Schule muss von Grund auf neu gedacht werden. Dazu gehört, dass sowohl räumlich als auch inhaltlich-konzeptionell ein gemeinsames und gleichwertiges Lernen von- und miteinander ermöglicht wird. Das betrifft Zeitstrukturen, Lehrpläne, Inklusionskonzepte und Unterrichtsmethoden ebenso wie finanzielle, sachliche oder personelle Ressourcen. Inklusion sollte kein Konzept für vermeintliche Minderheiten sein, sondern eine Grundeinstellung von Schule. Es ist Aufgabe des Staates, Schulen dabei so zu unterstützen, dass dies gelingt.

In der Berufswelt gibt das Arbeitszeugnis eine individuelle Rückmeldung!

Frage: Wie stehen Sie zu dem Vorschlag, auch in der (Ober-)Schule eine differenzierte Rückmeldemethode anstelle von Noten einzusetzen?

Die Grünen würden es begrüßen, wenn es ergänzende Methoden der Rückmeldung an Schüler_innen gäbe, verweisen aber darauf, dass das Ländersache sei.

Die LINKE ist sich der destruktiven Wirkung der Schulnoten bewusst und erinnert daran, dass sie in Berlin bereits bessere Bewertungsmethoden eingeführt hat.

Die FDP begrüßt ebenso wie die Grünen, wenn es ergänzende Methoden der Rückmeldung an Schüler_innen gäbe. Dies ist jedoch Ländersache. Den Verzicht auf Noten halten sie nicht für praktikabel.

Die SPD stellt die wichtige Bedeutung individueller Rückmeldung fest, sieht sie jedoch lediglich als Ergänzung zu den gängigen Schulnoten.

Die CDU/CSU gibt an, dass Schulnoten ausreichen, um die Leistungen von Schüler_innen abzubilden und erklärt, dass die Qualität individueller Rückmeldung erfahrungsgemäß nicht größer ist.

Was bildet ihr uns ein? meint: Die meisten Parteien weisen die Verantwortung für dieses Thema von sich, machen aber deutlich, dass sie am System der Noten festhalten. Bewegung scheint in diesem Bereich nicht in Sicht. Dabei ist es unumgänglich, andere Rückmeldungen als Noten zum Standard zu machen. Noten demotivieren junge Menschen. Sie führen u.a. dazu, dass diese nicht mehr nachfragen. Individuelle Rückmeldungen, die zum Beispiel auch gemeinsam in der Gruppe oder Klasse erarbeitet werden, können ihnen umfassend Auskunft über ihre Erfolge geben.