Das Abitur – überall das Gleiche?

Bundesweit soll es künftig einheitliche Abiturklausuren geben. Aber welches Land wird zur Vorlage? Unsere Blogger_innen Lukas Claes aus Nordrhein-Westfalen und Theresa Heitner aus Bayern haben schon jetzt über ihren Abiturabschluss gesprochen und festgestellt: Es gibt große Unterschiede zwischen den Ländern. An welchem sich orientiert wird, entscheidet über die Qualität des Abschlusses.

Ab 2017 sollen einheitliche Abiturstandards in den Kernfächern Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch gelten, wie es auf der Kultusministerkonferenz im Oktober letzten Jahres beschlossen wurde. Aus einem einheitlichen Pool können die Länder ihre Abituraufgaben entnehmen. Allerdings ist es den Bundesländern selbst überlassen, ob sie das Angebot wahrnehmen und den einheitlichen Aufgabenpool nutzen.

Doch wie sehen die Abiturstandards im Moment wirklich aus? Wie ist der Weg zum Abitur aufgebaut und wie müssen die Schüler_innen lernen? Gibt es zwischen den einzelnen Bundesländern tatsächlich große Unterschiede? Vielleicht lässt sich darüber ein Eindruck gewinnen, wenn Theresa Heitner, die ihr Abitur in Bayern gemacht hat mit Lukas Claes, einem Abiturienten aus NRW, über ihre Abiturprüfungen und die zweijährige Qualifikationsphase sprechen.

 

Wie frei sind die Schwerpunktwahlen?

Lukas: Geschafft! Jetzt habe ich endlich mein Abitur hinter mir. Ich musste viel lernen, am meisten für Mathematik. Die Abi-Klausuren in Mathe haben bei uns in NRW für große Aufregung gesorgt, denn die Aufgaben der analytischen Geometrie waren um einiges schwieriger, als in den Jahren zuvor.

Theresa: Ja, davon habe ich gehört. Das tut mir leid. In meiner Klausur fand ich die Aufgaben zur Stochastik am schwierigsten.

Lukas: Stochastik? Das ist  Wahrscheinlichkeitsrechnung, oder?

Theresa: Ja genau. Hattet ihr das nicht?

Lukas: Nein, zumindest nicht im Grundkurs. Dann hattest du bestimmt Mathe als Leistungskurs, nicht wahr?

Theresa: Was ist denn ein Leistungskurs?

Lukas: Bei uns gibt es zwei Leistungskurse, die relativ frei wählbar sind. Beide Fächer werden jeweils fünf Stunden in der Woche unterrichtet.

Theresa: Sowas haben wir nicht. In unserem Abitur haben wir drei gleichberechtigte, schriftliche Fächer, wovon zwei gar nicht wählbar sind; in Deutsch und Mathe müssen alle die Prüfung schreiben. Alle Fächer werden jeweils vier Stunden in der Woche unterrichtet und wir haben schriftliche, zentrale Abschlussprüfungen.

Lukas: Mathematik und Deutsch müssen wir auch belegen, aber wir müssen darin nicht unser Abitur schreiben. Das hätte sicherlich bei einigen den Schnitt gesenkt.

Theresa: Ja, bei uns hatten einige große Probleme damit. Manche meiner Mitschüler_innen, die von Anfang an nicht gut in Mathematik waren, mussten um einen Punkt bangen, weil sie mit null Punkten in der Prüfung wegen des ungeliebten Abiturfachs durchfallen konnten.

Lukas: Da kann ich mich ja noch mit meinen Wahlmöglichkeiten glücklich schätzen, obwohl ich nicht genug Raum hatte, meinen Interessen nachzugehen. Und neben den drei schriftlichen Prüfungen hattet ihr dann auch noch eine mündliche?

Theresa: Nein, wir wurden sogar in zwei Fächern mündlich geprüft.

Lukas: Oh, da musstest du ja noch viel mehr lernen! Wenn ich bedenke, wie viel ich allein für Geschichte gepaukt habe…

 

Sapere aude

Lukas: Und wie liefen deine Klausuren?

Theresa: Naja, Mathe war machbar. Deutsch fiel allerdings sehr schlecht aus, ich bin damit wirklich nicht zufrieden.

Lukas: Was war denn los?

Theresa: Das Interpretieren war nicht frei. Es gab nur eine ganz bestimmte Lösung, wie das Gedicht verstanden werden sollte. Es war alles vorbestimmt, was geschrieben werden sollte.

Lukas: Ja, das ist bei uns auch so. Immer das schreiben, was erwartet wird. Bloß nicht die eigenen Assoziationen und Überlegungen mit einbeziehen.

Theresa: Für die zweite Aufgabe mussten wir erklären, warum Unbekanntes Faszination erwecken kann. Ich hatte mir viele Gedanken gemacht und ein bisschen philosophiert. Das Problem war, dass das alles „falsch“ war, denn auch hier gab es einen klaren Erwartungshorizont ohne Spielräume.

Lukas: Bei uns gab es immerhin in den Klausuren einen Teil, wo eigene Gedanken eingebracht werden konnten. Zumindest ansatzweise. Trotzdem ist eigentlich alles vorbestimmt und kritisches Denken nicht gefragt. Aber hat nicht schon Kant den kritischen Denkansatz geprägt „sapere aude – Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“?

Theresa: Ja, genau!

Lukas: Habt ihr auch mal über Kant diskutiert in der Schule?

Theresa: Nein, wir haben nur in Stichpunkten gelernt, was Kants Philosophie ist. Da war mal wieder keine Zeit, sich damit richtig auseinanderzusetzen. Genauso war es, als wir in Latein die antiken Philosophen kennengelernt haben. Dass bei uns in der Schule hauptsächlich zum Auswendiglernen animiert wurde und nicht zum selbstständigen Denken, fand ich wirklich schade.

 

Überfüllte, straffe Lehrpläne

Lukas: Naja, an ein paar gute Diskussionen aus der Schulzeit kann ich mich schon erinnern. Zu viel Stoff in zu kurzer Zeit kenne ich ebenfalls. Das liegt ja auch an der Schulzeitverkürzung G8, die dieses Jahr neu war.

Theresa: G8 gibt es in Bayern schon seit drei Jahren, aber an den Lehrplänen hat sich bis heute nichts geändert. Und so bleibt es dabei, dass für kritisches Hinterfragen die Zeit bis zum Abitur zu kurz ist. Damit wir trotzdem alles reproduzieren können, müssen wir alles auf Arbeitsblättern lernen, was natürlich nach der Klausur alles wieder vergessen ist. Ich nenne das Bulimielernen. Du nimmst so viel Stoff wie möglich in dein Kurzzeitgedächtnis auf und nach der Klausur ist dann alles wieder weg.

Lukas: Mündige Menschen werdet ihr nicht in der Schule bei so viel sturem Lernen und wenig tiefgründiger Diskussion?

Theresa: Ohne Diskussion und kritische Reflexion wird meiner Meinung nach kein Mensch mündig.

Lukas: Da war es bei mir schon besser im Leistungskurs Sozialwissenschaften. Da hatten wir fünf Stunden in der Woche und Zeit zum Diskutieren. Wir waren auch in Brüssel, Frankfurt, Berlin und Polen. Ich habe viel erlebt und bislang nur wenig vergessen.

Theresa: Bei uns beschränkte sich der Unterricht in Sozialwissenschaft zwangsläufig auf eine Stunde in der Woche.

Lukas: Da kommt man doch zu gar nichts! Um gesellschaftspolitische Zusammenhänge zu verstehen, reicht das sicherlich nicht.

Theresa: Vielleicht hängt das ja mit der ewig gleichen politischen Situation in Bayern zusammen. (Lacht.)

Lukas: Haha, das ist gut möglich.

 

Lange Tage in der Schule

Theresa: Wirklich intensiv bearbeitet habe ich nur das Thema meiner Facharbeit.

Lukas: Das war bei mir nicht so groß, die Facharbeit zählte wie eine Klausur und wir hatten nur drei Monate Zeit.

Theresa: Bei uns war da mehr Zeit für und in einem Seminar haben wir schon inhaltlich vorgearbeitet. Das Thema konnten wir allerdings nicht frei wählen, wir hatten lediglich zehn Themenfelder zur Auswahl.

Lukas: Ich konnte ganz frei wählen und meine Facharbeit zum arabischen Frühling hat mir viel gebracht. Seminar hört sich aber interessant an. Gab es da noch weitere?

Theresa: Ja, ein Projektseminar, in dem wir selbstständig etwas erarbeiten konnten. Das ging aber immer spät in den Nachmittag, sodass wir bis zu vier Nachmittage in der Woche in der Schule sitzen mussten.

Lukas: Da kann ich mich ja noch glücklich schätzen mit zwei langen Tagen in der Woche.

Theresa: Es scheint wohl große Unterschiede zu geben in unseren Abituren.

Lukas: Ja, da gebe ich dir Recht. Ich denke, wir sind auf die Herausforderungen an einer Universität ganz unterschiedlich vorbereitet und ich muss sagen, dass ich froh bin, nicht in Bayern zur Schule gegangen zu sein. Und was hältst du davon, deutschlandweit geltende einheitliche Standards zu schaffen, damit diese Unterschiede zurückgehen?

Theresa: Solche Standards ebnen den Weg für eine größere Vergleichbarkeit der Schüler_innen, was den Druck für jede_n einzelne_n erhöht. Andererseits fühle ich mich mit meinem Schulsystem ungerecht behandelt, denn ich hätte auch gerne Leistungskurse und mehr Diskussionen gehabt, statt ewigem Auswendiglernen.

Ein Beitrag von Lukas Claes und Theresa Heitner.

 

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