Ein Zukunftspakt und mehr Geld für die Hochschulen

Leuchttürme für die Wissenschaft oder Breitenförderung? Der Wissenschaftsrat kann sich nicht entscheiden. Foto: dr_knox/Flickr

Endlich fordert wieder einmal jemand mehr Geld für das deutsche Hochschulsystem! Der Wissenschaftsrat hat am Montag ein Papier veröffentlicht, in dem er empfiehlt, wie das deutsche Wissenschaftssystem zukünftig gestaltet werden kann. Wir haben uns das Papier näher angesehen und für euch kritisch beleuchtet.

Die Bundestagswahl steht bevor – ein perfekter Anlass, um der nächsten Bundesregierung Empfehlungen mitzugeben, wie das deutsche Wissenschaftssystem in der nächsten Legislaturperiode und darüber hinaus gestaltet werden soll. Eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates hat seit Anfang letzten Jahres an dem Papier „Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems“ gearbeitet. Denn die verschiedenen zeitlich befristeten Programme, wie die Exzellenzinitiative oder der Hochschulpakt, der Qualitätspakt Lehre und der Pakt Forschung und Innovation, die das Wissenschaftssystem derzeit mitfinanzieren, werden in den nächsten Jahren auslaufen. Die Empfehlungen sollen in einem Zukunftspakt an die Veränderungen anknüpfen, die von diesen Pakten angestoßen wurden. Was danach folgt, ist ungewiss.

Der Wissenschaftsrat verlangt mehr Differenzierung

Der Wissenschaftsrat fordert, dass sich das deutsche Wissenschaftssystem weiter differenzieren müsse: Hochschulen sollen Profile bilden, in starke Bereiche investieren und schwache sukzessive abschaffen. Man wendet sich ab vom Bild einer Volluniversität, die ein breites Fächerspektrum anbietet. Ein Grund dafür ist der demographische Wandel, der die potentiellen Studierendenzahlen in Deutschland langfristig senken wird. Somit müssen die Hochschulen auch eine heterogenere, internationale Zielgruppe anwerben, um die Studienplatzkapazitäten zu halten. Zudem wird die Abkehr von der Volluniversität mit der Orientierung am internationalen Wettbewerb begründet. Wobei unklar bleibt, warum deutsche Hochschulen im internationalen Wettbewerb gut dastehen müssen. Warum sollte eine differenzierte Hochschullandschaft leistungsfähiger sein als eine homogenere? Die Forderung verwundert auch, da lange bekannt ist, dass die Wohnortnähe für Studierende oft ein ausschlaggebendes Kriterium bei der Wahl ihrer Hochschule ist. Würden die Universitäten weiter differenziert, würden immer weniger Fächer beinahe flächendeckend angeboten und Studierende würden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Gerade für Kinder aus Nichtakademiker_innenhaushalten würde dies eine weitere Hürde vor der Aufnahme des Studiums darstellen.

Der Zukunftspakt: die wichtigsten Forderungen

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates sind umfassend. So schlägt er einen neuen, bis mindestens 2025 laufenden Zukunftspakt vor, der an die bestehenden Pakte anschließt und diese ergänzt. Wir greifen die wichtigsten Aspekte hier auf:

Die Anzahl der Studienplätze soll laut Wissenschaftsrat weiter erhöht werden. Zudem spricht sich der Wissenschaftsrat dafür aus, dass der Hochschulpakt (Ausbau der Studienplatzanzahl) und der Qualitätspakt Lehre (Verbesserung der Lehre) fortgeführt werden – vorausgesetzt die damit verbundenen Gelder fließen künftig von der Quantitäts- in die Qualitätssteigerung, indem z.B. innovative Lehrmodelle gefördert werden. Es wird wiederholt die schlechte Betreuungssituation kritsiert und angemahnt, dass die die Lehre im Vergleich zur Forschung benachteiligt wird. Vor allem mit der Lehre verbundene Positionen müssen durch langfristige Anstellungen attraktiver werden und gute Lehre muss prämiert werden. Bisher zielt die Karriere in der Wissenschaft immer auf die Professur. Alle anderen Positionen sind unsicherer, schlechter bezahlt und befristet.

Der Zukunftspakt sieht vor, dass die Förderungsphasen der durch die Exzellenzinitiative (Schaffung exzellenter Forschungseinrichtungen an Hochschulen) geschaffenen Einrichtungen fortgesetzt bzw. verstetigt werden: Exzellenzcluster sollen in Forschungszentren oder gut ausgestattete Liebig-Zentren übergehen, die als eine neue Form der geförderten Einrichtungen eingeführt werden sollen. Die Mitarbeiter_innen dieser Institute würden sowohl forschen als auch an der Lehre beteiligt werden. Auch die Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative könnten in Liebig-Zentren überführt werden. Die strukturierte Doktorandenausbildung soll flächendeckend umgesetzt werden und alle Doktoranden sollen das Angebot der Graduiertenschulen nutzen können. Eine sogenannte Merian-Professur soll besonders herausragende Wissenschaftler_innen fördern. Sowohl die Liebig-Zentren als auch die Merian-Professuren sollen an die Universitäten gebunden werden, um diese so langfristig zu profilieren.

Der Wissenschaftsrat betrachtet als ein zentrales Ziel für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems, dass lokale und regionale Kooperationen, die unterschiedliche Kompetenzbereiche verbinden, etabliert und gefördert werden. Auch außeruniversitäre Forschung soll weiterhin so stark gefördert werden wie bisher, allerdings ohne die zentrale Stellung der Hochschulen zu gefährden.

In allen Bereichen, vor allem aber im Hochschulbau, müssen Bund und Länder stärker zusammenarbeiten und gemeinsam verantworlich sein. Der Wissenschaftsrat rät daher dringend, dass das Kooperationsverbot aufgehoben wird – lässt allerdings offen, in welcher Form.

Die Grundfinanzierung soll steigen

Erfreulich ist, dass eine solide Grundfinanzierung von Hochschulen betont wird. Gab es in den letzten Jahren einen starken Trend hin zur Finanzierung über zeitlich befristete Programme, tritt das deutsche Wissenschaftssystem in letzter Zeit wieder selbstbewusster für eine höhere Grundfinanzierung ein. Diese hat u. a. den Vorteil, dass sie die aufwendige Antragstellung für weitere befristete Drittmittel reduziert. Auch für das Hochschulpersonal werden so längerfristige Perspektiven möglich. Der Wissenschaftsrat fordert einen jährlichen Zuwachs von einem Prozent über den Tarif- und Kostensteigerungen, also reale Zugewinne in den Hochschulbudgets. Selbstbewusst wird das deutsche Wissenschaftssystem gegenüber anderen Ressorts als gesellschaftlich wichtiger herausgestellt – keine schlechte Verhandlungsposition, nur wenige Jahre vor dem Greifen der Schuldenbremse. Die Forderung nach mehr finanziellen Mitteln ist richtig, sie bringt auch Stabilität ins System. Nun kommt es darauf an, sie auch umzusetzen.

Bildungsgerechtigkeit ist kaum ein Thema in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, schon gar kein Querschnittsthema, wie es angemessen wäre. Das überrascht, da nicht nur ein mehr oder weniger differenziertes und leistungsfähiges Wissenschaftssystem vorhanden sein muss, um der Forderung des Wissenschaftsrates, international wettbewerbsfähig zu sein, gerecht zu werden. Es bedarf auch eines gut ausgebildeten Nachwuchses. Doch vielleicht meidet der Wissenschaftsrat das Thema, weil er dabei zu dem Schluss kommen müsste, dass es gar nicht so sehr um Leuchttürme und differenzierte Wissenschaftsstrukturen geht, sondern dass eine solide, gute Qualifizierung in der Breite viel zielführender wäre. Wir wünschen dem Wissenschaftsrat, dass er dies lieber früher als später erkennt.

Hier findet ihr eine Zusammenfassung des Wissenschaftsrates zum Zukunftspakt.

Artikel von Rainald Manthe & Pauline Püschel.