Hoffnung für Chinas Kinder vom Land

Hoffnungsschule China

Foto: © Tianlin Xu

Während Chinas Regierung in städtische Schulen immer mehr investiert, schließen die meisten Schüler_innen aus ländlichen Gebieten nicht einmal die Grundschule ab. Seit Jahren versuchen nun sogenannte Hoffnungsschulen, den ländlichen Kindern mehr Chancen für ihre Zukunft zu bieten. Derzeit stehen sie allerdings vor eigenen Schwierigkeiten.

Zwischen den Bergen des Hochlands der Provinz Yunnan, im südwestlichen China, stehen über 50 Kinder ordentlich in einer Reihe auf dem Hof der 40-Blumen-Grundschule. Ihre kleinen Füße in den verstaubten Schuhen tippen nervös auf den steinernen Boden hin und her. Die Jungen und Mädchen warten auf Obst, ihren Nachtisch für die Abendmahlzeit. Ein Kopf nach dem anderen verlässt immer wieder die Formation. Sie blicken zu den Kindern, die gerade von zwei Lehrerinnen große Äpfel bekommen. Die rufen laut „Danke“ als sie ihr Geschenk in der Hand halten und hüpfen kichernd weg.

Die erdigen Schweißspuren einiger Jungs verraten, dass sie am Nachmittag Basketball spielten. Sport gehört neben Chinesisch, Mathe, Naturwissenschaft, Musik und Kunst zu den Fächern die an der 40-Blumen.Grundschule unterrichtet werden. Seit kurzem wird nachmittags auch Englisch angeboten. Sechs junge freiwillige Grundschullehrer_innen aus der Stadt kümmern sich hier um knapp 60 Kinder, vom Kindergarten bis zur 3. Klasse. Gegründet wurde sie im Jahre 2006 von einer Gruppe Backpackern.

Foto: © Tianlin Xu

Tianlin Xu (geb.1986) ist eine chinesische Filmemacherin. Sie lebt und arbeitet in Dortmund. Nach dem Germanistikstudium schloss sie ihren Bachelor an der Communication University of China im Fach „Television & Radio Editing and Directing“ ab. 2010 absolvierte sie ihren Master mit dem Studiengang „International Media Studies“ an der Deutschen-Welle Akademie. Ihrer Tätigkeit in der Öffentlichkeits- und Kulturarbeit des Goethe-Institut Peking und ihr Auslandssemester von 2007-2008 in Bochum, war der Beginn zu ihrer Verbindung nach Deutschland. Durch ihre Dreharbeit über die Kinder von chinesischen Wanderarbeiter, hat sie 2012 zum ersten Mal die 40-Blumen-Grundschule besucht. Mehr über den Dokumentarfilm„Coming and Going“ (AT) findet ihr auf Facebook.

Der eingeschränkte Blick

In diesen ländlichen Gebieten ist es für Kinder nicht selbstverständlich neun Jahre zur Schule zu gehen, auch wenn es eine neunjährige Schulpflicht in China gibt. Während 80 Prozent aller Schüler_innen aus den entwickelten chinesischen Metropolen den Weg auf eine Universität schaffen, sind es aus den ländlichen Gebieten gerade einmal 3 Prozent. Das wird oft vergessen, wenn westliche Medien die Spitzenleistungen der Schanghaier Schüler_innen bewundern, die ihnen die PISA-Studie ausgestellt hat. China hat trotz des Images eines Industrielandes mit vielen Wolkenkratzern ein riesiges Hinterland. Dort liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf jedoch nur bei einem Viertel von dem in Shanghai.

Viele Familien vom Land können sich die Schulbildung für ihre Kinder nicht leisten. Auch wenn Schule in der Zeit, in der sie verpflichtend ist, nichts kostet, kann eine drei- bis fünfköpfige Bauernfamilie mit knapp 3000 Yuan (ca. 400 Euro) Jahreseinkommen kaum Verpflegung und Schulmaterial für ihre Kinder bezahlen.

Die 40-Blumen-Grundschule hingegen finanziert sich durch Spenden aus Wohltätigkeitsverkäufen in verschiedenen Großstädten. So können die Kinder der Schule von Essens- und Wohnkosten sowie von den Kosten des Schulmaterials befreit werden. Ziel ist es, Kindern aus den Armutsgebieten Chinas durch Bildung mehr Chancen für die Zukunft zu bieten. Sie sollen Jungen und Mädchen aus den ländlichen Gebieten Hoffnung schenken. Daher haben sie ihren Namen: „Hoffungsschulen“. Ein Wort, das Ende der Neunziger bekannt wurde.

Der Aufschwung von staatlichen „Hoffnungsschulen“

Im Jahr 1989 initiierte die chinesische Regierung eine Hilfsaktion für Kinder in ärmeren Regionen, das „Projekt Hoffnung“. Dafür wurden Spenden aus den entwickelten Gegenden gesammelt. Durch den „Entwicklungsfonds für chinesische Jugendliche und Kinder“ wurde das Geld verwaltet und entsprechend verteilt. So konnte den Kindern vom Land, die wegen Armut die Schule unterbrechen mussten, das Grundrecht auf Bildung zugesichert werden. Im Rahmen des Projekts wurden zahlreiche Schulgebäude durch Spenden renoviert oder neu gebaut. Solche Grundschulen wurden „Hoffnungsschulen“ genannt.

Seit der Durchsetzung der Politik der „Einführung einer neunjährigen Schulpflicht“ im Jahr 1994 wurden weitere „Hoffnungsschulen“ von den lokalen Regierungen der ländlichen Gebiete aufgebaut. Teilweise wurden sogar Schulden aufgenommen. Millionen Kinder konnten so wieder ins Klassenzimmer zurückkehren.

Die verwaisten Hoffnungsschulen

Seit 2001 betreibt die Regierung eine neue Politik – die „Ausschaltung und Zusammenschließung der ländlichen Schulen“. Tausende, erst vor kurzem eröffnete „Hoffnungsschulen“, mussten dadurch schließen. Die Politiker wollen zwar durch eine Umstellung die ländlichen Bildungsressourcen konzentrieren und optimieren, es hat aber zur Folge, dass mehr als 50 Prozent der Dorfschulen im letzten Jahrzehnt verschwunden sind, und die Schüler_innen in die entfernten Zentralschulen der Kreisstädte gehen müssen. Die hohen Lebenskosten in der Stadt, die Entfernung von dem eigenen Zuhause sowie die extrem überfüllten Klassenzimmer und Wohngebäude, all das sind große Hürden für Dorfkinder, weiter die Schule zu besuchen.

„Die Abbruchquote der Grundschüler vom Land steigt wieder und ist so hoch wie zuletzt in den Jahren von 1997 bis 1999“, sagte der Leiter der Abteilung der ländlichen Bildung der chinesischen Bildungsgesellschaft, Qinglin Han, auf einem Bildungskongress in Beijing vor einem Jahr. Zahlreiche neue Schulgebäude, die durch Spendengelder von Institutionen oder Privatpersonen finanziert wurden, stehen leer.

Ein Zeitungsbericht aus der Provinz Hubei verdeutlicht die Situation. In einer Kreisstadt namens Changyang wurden 76 Hoffnungsschulen während der Zeit der „Durchsetzung einer neunjährigen Schulpflicht“ aufgebaut. Mittlerweile sind nur noch 23 von ihnen geöffnet. Die anderen 53 Schulgebäude verwaisen, werden von Unkraut überwuchert, oder als Ställe für das Vieh benutzt. Zudem gibt es das Problem, dass durch sinkende Geburtenraten, aufgrund der Ein-Kind-Politik, und durch das abwandern der ländlichen Arbeitskräfte in die Städte, immer weniger Kinder in „Hoffnungsschulen“ angemeldet werden. Dadurch haben auch die wenigen, die noch existieren, Probleme, bestehen zu bleiben. Die Zentralschulen der Stadt hingegen sind völlig überfüllt.

Hoffnungsschule China

Foto: © Tianlin Xu

Hoffnung für die Hoffnungsschulen?

Die 40-Blumen-Schule gehört nicht zu dem „Projekt Hoffnung“. Als Pionier der Wohltätigkeitsgrundschulen von der gemeinnützigen Initiative der bürgerlichen Gesellschaft versucht die Schulgemeinschaft in Hangzhou durch das Engagement von Bürgern und ihrer langfristigen organisatorischen Arbeit, ein gut laufendes Modell für den praktischen Einsatz der nichtstaatlichen „Hoffnungsschulen“ zu finden.

Vergangenen Sommer hat ein Junge, der damals als Grundschüler von der 40-Blumen-Schule Nachhilfe bekommen hat, als einziger aus diesem Dorf zur Universität geschafft. Die gute Nachricht hat alle derzeitigen Lehrer_innen motiviert. Gleichzeitig aber ist oft zu hören, dass mehrere Kinder nach der Grundschule die Schule abgebrochen haben, um als Wanderarbeiter in die Städte zu ziehen. Es gibt Momente, in denen einige Lehrerin_innen zweifeln, ob sie den Kindern durch die „Hoffnungsschule“ wirklich eine bessere Zukunft schenken können.

Dennoch ist es ihnen wichtig, dass „Hoffnungsschulen“ auf dem Land bestehen bleiben. Der Großteil der Kinder 40-Blumen-Grundschule gehört zu verschiedenen Minderheiten Chinas. Sie müssen daher nach der Einschulung erst einmal Chinesisch lernen. „Man kann die Bildung hier überhaupt nicht mit der Situation in der Stadt vergleichen. Dort wird Englisch schon im Frühkindergarten eingeführt“, sagt die Englisch- und Chinesischlehrerin Zhang, die eigentlich ein kleines Café in Australien besitzt und nun freiwillig für ein Jahr an der 40-Blumen-Schule in den Bergen arbeitet.

Ob diese Grundschule irgendwann auch durch den Staat geschlossen oder mit anderen zusammengelegt wird, ist unklar. Aber sicher ist: Die Mühe der Schulgemeinschaft und der zahlreichen Menschen, denen diese kleine „Hoffnungsschule“ am Herzen liegt, ist nicht umsonst. Eine kulturelle Vielfalt im Unterricht öffnet den Kindern aus den Bergen ein kleines Fenster zur modernen Welt. Das Selbstwertgefühl, sowie die Selbstschätzung als Individuum, die die Lehrer_innen in ihre kleinen Herzen einpflanzen, wird sie in der Zukunft begleiten.

Die Hoffnung für eine bessere Bildung auf dem Land besteht, sowohl für die Schule, als auch und vor allem für die Kinder des Bergdorfs.

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