Funkenflieger laufen für Bildungswende

Funkenflieger, Funkenflug

Foto: © Funkenflug

Sie nennen sich Funkenflieger und laufen quer durch Deutschland bis nach Berlin  –  und zwar zu Fuß. Dutzende Schüler_innen haben sich von der Schule frei genommen und diskutieren auf ihrem Weg in die Hauptstadt darüber, was sie an Schule stört und wie sie sie verändern wollen. Die Schüler_innen Marcel und Mira erzählen, wie es ihnen erging.

Etwa 30 Kilometer nördlich vor Wittenberge, zwischen zwei Dörfern, laufen gerade 20 Schüler_innen Richtung Berlin – und zwar zu Fuß. Sie sind eine von fünf Gruppen, die in die Hauptstadt zieht, um Schule in Deutschland zu verändern und die Bildungswende einzuläuten. Einige sind dabei seit die Gruppe in Freiburg vor mehr als fünf Wochen startete, andere liefen nur eine Woche mit, manche kamen später dazu. Alle die dabei waren oder den Lauf aus der Ferne unterstützen, nennen sich Funkenflieger, abgeleitet von dem Namen der Initiative Funkenflug.

Die Filmemacher Krishna Saraswati und Jan Raiber sind die beiden Initiatoren von Funkenflug und haben die Idee eines Bildungslaufs im vergangenen Jahr angestoßen. Beide besuchten Schulen in der ganzen Republik und warben für die Idee – mit Erfolg. Hunderte Schüler_innen haben sich der Initiative angeschlossen, Dutzende laufen nun seit fünf Wochen Richtung Berlin. Der Abiturient Marcel Jahn ist seit November Funkenflieger und vor wenigen Tagen zu den Laufenden gestoßen. Er erzählt, wie es ihm erging:

Marcel Jahn ist 18 Jahre alt und geht in der Nähe seines Heimatortes Gehren in Thüringen auf ein Gymnasium. Dort macht er gerade sein Abitur: „Mein Traum wäre eine Schule, in der die Klassen oder Lerngruppen gemeinsam darüber entscheiden, was und wie sie lernen.“

Die ersten Tage waren sehr intensiv. Ich bin vor allem begeistert von der Gastfreundschaft, die ich hier erlebt habe. Abends müssen wir gucken, wo wir schlafen können und wir haben bislang immer jemanden gefunden, der uns Unterschlupf gewährt. Gestern zum Beispiel waren wir in einem Schloss untergebracht.

Außerdem waren wir an drei Schulen und haben mit Schüler_innen sprechen dürfen. Das lief wirklich toll, auch was die anderen erzählt haben. Ich war mit Funkenflug schon vor dem Lauf an Schulen. Wenn man in Klassen geht, die wenig ausprobieren, können die Schüler_innen meist nicht offen darüber sprechen, was sie sich wirklich wünschen, und was sie kritisieren. Da ist eher Zurückhaltung angesagt. Wenn man an Schulen geht, die den Unterricht offener gestalten, merkt man, dass sie viel freidenkender und kreativer sind. Das ist auch jetzt so.

Hier mitzulaufen ist mir wichtig. Funkenflug hat mich angesprochen, weil dadurch endlich etwas in Gang kommt und andere anhält über Schule nachzudenken. Dass Schüler_innen losgelöst von irgendwelchen Systemzwängen darüber nachdenken können: Was mache ich eigentlich? Was ist der Sinn meines Tuns und in was für einer Gesellschaft möchte ich leben?

Ich habe vor einer Woche meine letzte Abiturprüfung geschrieben und bin danach direkt nach Wittenberg gefahren. Dort habe ich mich mit den anderen von Funkenflug getroffen.

Welchen Sinn hat Schule?

Ich hatte mich schon vor Funkenflug erkundigt, wie Schule aussehen kann. Eines Tages kam ich nach Hause und habe mir die Frage gestellt: Was hat Schule für einen Sinn? Ich bin ein sehr guter Schüler und habe gute Noten. Aber ich sah keinen Sinn mehr in der Schule. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, die Schule abzubrechen. Im Nachhinein würde ich es nicht mehr so radikal sehen, aber vor einem Jahr habe ich mich so gefühlt.

Generell gefällt mir nicht, dass man Dinge lernen muss, nur um eine Note zu erfahren.  Du lernst irgendetwas auswendig, zum Beispiel die Photosynthese, und das schreibst du in einem Test auf. Wenn du es gut gemacht hast, bekommst du eine Eins. Und dann bist du ein guter Mensch. Das ist ein Menschenbild, was mir nicht gefällt.

Außerdem wirst du die Photosynthese nach vier Jahren wieder vergessen haben, wenn du sie nicht mit Begeisterung und mit Leidenschaft gelernt hast. Und genau aus diesem Grund finde ich unsere Lehr- und Unterrichtsmethoden nicht zielführend.

Ich glaube, die Schule der Zukunft sollte eine sein, die demokratisch geprägt ist. Wenn wir eine partizipierende und mündige Gesellschaft haben wollen, dann muss Demokratie bei dem beginnen, was und wie gelernt wird. Mein Traum wäre eine Schule, in der die Klassen oder Lerngruppen gemeinsam darüber entscheiden, was und wie sie lernen.

Ich will nicht, dass das durch ein Kultusministerium von vornherein festgelegt ist. Wie man Begeisterung beim Lernen schafft, kann man nicht planen. Das muss sich ergeben. Es braucht natürlich soziale und fachliche Spielregeln, um gewisses Allgemeinwissen zu vermitteln. Aber nicht so autoritär, wie ich es heute erlebe.

 

Mira Gerbode ist 18 Jahre alt und kommt aus Göttingen. Sie geht in die 12. Klasse Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule, die 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde: „Dieses Laufen ist krass. Man lernt sich selber so gut kennen.“

Ich laufe nicht, weil ich meine Schule so toll finde, ich laufe für mich selber, um herauszufinden, wer ich bin und dafür, dass Veränderung jetzt los geht. Klar, meine Schule ist die Beste in Göttingen und ich bin froh, dass es sie gibt. Bis zur achten Klasse gibt es keine Noten und auch sonst sagen Schüler_innen, die neu zu uns kommen, bei uns sei es weniger stressig und der Umgang sei freundlicher. Aber im Prinzip löst die Oberstufe alles auf. Wir sitzen weder in Tischgruppen, noch gibt es Treffen, in denen wir über Probleme sprechen. Noten haben wir auch. Im Grunde genau das Kurssystem wie wir es kennen. Das ist einfach schade.

Man kann noch viel verändern, wie mehr Projektarbeit einführen zum Beispiel. Aber man muss auch größer denken: Es geht darum, sich selbst lieben zu lernen und ein Weg ist die Bildung. Wenn wir Bildung verändern, verändern sich die Menschen, die Eltern, die Erwachsenen, dann kann etwas Großes wachsen –  ein Miteinander.

Der Lauf ab Göttingen

Ich bin am 15. Mai aus Göttingen losgelaufen. Am Anfang waren wir zu viert: Sina, 32 Jahre, sie ist Erzieherin, meine 15-Jährige Schwester, und noch ein Mädchen aus meiner Schule.

Meine Schwester ist wieder zu Hause. Ihre Lehrer wollten nicht, dass sie länger mitläuft. Sie hat jetzt noch einmal versucht mit ihnen zu sprechen, aber da ist nichts zu machen. Sie wird aber für das finale Wochenende nach Berlin kommen.

Ich habe mir eine Schulbefreiung geholt – der offizielle Weg sozusagen. Meine Tutorin meinte: „Mira, du bist eine gute Schülerin, du darfst gehen.“ Das war auch die Bedingung. Wäre ich ein schwerer Fall, hätte sie wohl nein gesagt. Und unser Direktor, der ist total offen. Er fand es sogar schade, dass ich mir eine Schulbefreiung geholt habe. Er sagte, schließlich lerne ich auf diesem Weg so viel, dass sei fast so wie zur Schule gehen.

Raum für Selbstreflektion

Als ich mit der kleinen Gruppe gelaufen bin, haben wir uns selbst reflektiert: Was sind wir für Menschen? Was ist vielleicht die Mission, warum wir auf dieser Welt sind? Was ist Funkenflug? Also wirklich tiefe Gespräche. Dafür ist in der Schule überhaupt kein Raum. Und so habe ich viel über mich selbst gelernt: Meine Gabe ist, dass ich mich gut in Menschen einfühlen kann.

Vor zwei Wochen sind wir jetzt zu der großen Gruppe gestoßen. Hier haben wir darüber diskutiert, was uns an Schule nicht gefällt. Einige sind traurig, wie Schule die Schüler_innen krank macht, wie sie so passiv dasitzen, und sich nicht trauen, etwas zu sagen. Es kann nicht sein, dass Schüler_innen beigebracht wird, den Mund zu halten und ihnen kein Mut gemacht wird, ihre Meinung zu sagen, oder wie es ihnen gerade geht.

Nach jedem Tag machen wir abends immer eine Reflektionsrunde mit allen, in der wir besprechen, was wir gut und was wir nicht gut fanden. Was mich beim Laufen stört, ist die Hektik. Manchmal kommt: „So, wir müssen jetzt Pause machen.“ Und dann wird festgelegt, in einer Stunde geht es wieder los. Und ich denke: Leute, wir schauen einfach nach einer Stunde, ob wir los wollen oder nicht. Wir müssen nicht das ausleben, wovor wir eigentlich flüchten. Aber je länger wir laufen, desto ruhiger werden alle. Das macht mich glücklich.

Unterwegs diskutieren wir auch, wie unsere Traumschule aussieht: ein riesiges Gebiet, zu dem die Kinder kommen. Dort soll ganz viel möglich sein. Da bauen wir einen Bauernhof, legen Gemüsebeete an, so dass wir uns selbst versorgen. Wir lernen kochen, miteinander umzugehen. Und wir können die Beete berechnen und dabei Mathe lernen.

Wir hatten außerdem die Idee, dass Schüler_innen wandern – so wie wir jetzt. Es gibt verschiedene Schulen und jeder kann sagen: Ich will einmal raus und besuche eine andere Schule. Dieses Laufen ist krass. Man lernt sich selbst so gut kennen. Das wollen wir weiter geben.

Flashmob: Lasst die Funken fliegen: Am Samstag den 8. Juni um 19:00 Uhr machen wir gemeinsam mit der Initiative Funkenflug  einen Wunderkerzen-Flashmob in Berlin auf dem Pariser Platz. Mehr Details auf Termine.

 

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