Unter dem Damoklesschwert

Halle Bleibt

Studierende in Sachsen-Anhalt haben die Initiative „Halle bleibt!“ gegründet. So wollen sie um den Erhalt der medizinischen Fakultät kämpfen. Inzwischen will das Bundesland weitere Millionen an den Hochschulen sparen. Landesweit gibt es Proteste. Eine Studentin schreibt, wie alles gekommen ist, und wie es den Studierenden geht.  

16. Kalenderwoche 2013: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff entlässt telefonisch die Wissenschaftsministerin, Brigitta Wolff, , während Hartmut Möllring (ehemals „Sparfuchs“-Finanzminister Niedersachsens) bereits inoffiziell als ihr Nachfolger feststeht. Gleichzeitig wird ein internes Arbeitspapier, welches als Regierungsgrundlage dienen soll, dem MDR zugespielt. In dem ist zu lesen, dass sich das Bundesland auf Dauer keine zwei Universitätskliniken leisten kann und damit zwei Standorte der Hochschulmedizin.

Als wäre es Zufall, sind Mitglieder des Wissenschaftsrats zum selben Zeitpunkt an der halleschen Medizinischen Fakultät und im Universitätsklinikum zu Gast, um dort unter anderem Lehre, Forschung und die Struktur zu begutachten und später in einem ausführlichen Bericht zu bewerten. Der Wissenschaftsrat ist das höchste Gremium des Bundes für die Erarbeitung von Empfehlungen in der Wissenschaft und seine Berichte, die jedem zugänglich sind, werden auch in der Politik als Quelle für die Qualität einer Hochschule oder sonstiger wissenschaftlicher Einrichtungen genutzt.

Macht die Politik dieses Mal ernst?

Innerhalb weniger Tage schellten bei uns Studierenden die Alarmglocken. Die Diskussion, dass zwei Hochschulmedizinstandorte in Sachsen-Anhalt einer zu viel seien, entfacht regelmäßig aufs Neue – doch im April hatten wir das Gefühl, dass die Verantwortlichen in der Politik tatsächlich ernst machen würden.

Innerhalb kürzester Zeit haben wir uns deswegen organisiert und zusammen mit Vertretern des Personalrats und der Klinikummitarbeiter das Aktionsbündnis Halle bleibt!Für den Erhalt einer leistungsfähigen  Universität und der Universitätsmedizin in Sachsen-Anhalt gegründet.

Nach einer erfolgreichen Vollversammlung der Medizinischen Fakultät, bei der etwa 2000 Menschen gekommen sind, haben wir unsere Kommiliton_innen und alle Betroffenen dazu ermutigt, sich für den Erhalt unserer Fakultät und unseres Klinikums einzusetzen. Am 30.04. haben wir zu einer Großdemonstration in Halle aufgerufen. Über 7000 Menschen gingen an diesem Tag auf die Straße, machten ihrem Ärger Luft und sorgten somit für die größte Demonstration Sachsen-Anhalts seit der Wende. Dieser Protest war der Beginn einer landesweiten Protestwelle, die nun viel Zuspruch aus ganz Deutschland erhält.

 „Es wird Zeit, dass in der Landespolitik hochschulpolitischer Sachverstand einzieht!“, rief Udo Sträter, der Rektor der Universität Halle, den 7000 Demonstranten zu. Denn nicht nur die Hochschulmedizin steht im Fokus der Diskussion: Im Land ist von „Sparpotential“ in der Hochschulpolitik die Rede, bei dem die Medizin nur einen Teil des Ganzen darstellt. 50 Millionen Euro sollen es sein, die ab 2015 bis 2025 eingespart werden sollen, zusätzlich zu etwa 27 Millionen, die die Landesregierung vorher schon geplant hatte zu streichen.

Landesweiter Protest

Warum? Das Land ist finanziell schlecht aufgestellt, der Solidaritätszuschlag läuft bald aus und das Politduo Haseloff und Bullerjahn (aktueller Finanzminister Sachsen-Anhalts) ist der Auffassung, dass ein Teil des benötigten Geldes bei den Hochschulen zu holen ist.

Es verwundert nicht, dass seit der Ankündigung der Sparmaßnahmen die Bevölkerung eines Bundeslandes in Aufruhr ist und vehement gegen derartige Kahlschlagpolitik protestiert.

Wir vom Aktionsbündnis Halle bleibt! haben uns mit weiteren Bündnissen zum Hochschulbündnis Sachsen-Anhalt – Perspektiven gestalten zusammengeschlossen, um gemeinsam für unsere Bildung und unsere Zieleeinzustehen.

Denn was bedeutet es, wenn ein Land an seiner wichtigsten Ressource, der Bildung, und somit an seiner Zukunft spart? Welche Rechtfertigung gibt es, eine Summe von einsparfähigen 50 Millionen Euro zu nennen und somit die Existenz ganzer Studiengänge zu gefährden? Ein Universitätsklinikum schließen zu wollen, wo doch der Begriff „Ärztemangel“ in aller Munde ist und vor allem die medizinische Versorgung der ländlichen Gebiete immer schwieriger wird? Diese Politik macht für uns keinen Sinn.

Würde tatsächlich so viel Geld eingespart werden, würde das das Ende für kleine Studiengänge und eine immense Verschlechterung der Lehre aller weiteren Fachrichtungen bedeuten. Denn werden Gelder gestrichen, fallen zum einen Professorenstellen weg – hat ein Studiengang nur wenige Professoren und deren Zahl würde sich um die Hälfte oder zwei Drittel verkleinern, so würde sein Bestehen praktisch unmöglich sein. Der Wegfall der Lehrenden würde in jedem Falle ein verschlechtertes Betreuungsverhältnis, noch vollere Seminare und ein abgespecktes Angebot der extracurricularen Lehre bedeuten.

Welchen Grund gäbe es für Abiturienten und Hochschulanwärter, überhaupt noch eine sachsen-anhaltinische Universität besuchen zu wollen? Und welches Gegenargument gibt es für bereits eingeschriebene Studenten, die aufgrund dieser Sparmaßnahmen einen Hochschulwechsel anstreben? Warum sich weiterhin für eine Verbesserung der Lehre einsetzen (sei es innerhalb der FSR’s oder des StuRas), wenn es sowieso keinen Sinn macht? Das Engagement, welches unserer Generation gerne abgesprochen wird, ist nirgendwo größer als an Universitäten – warum wird dies nicht gefördert, sondern durch Sparmaßnahmen in Gefahr gebracht?

Eine konkrete Position der Verantwortlichen fehlt, eine Antwort blieb bis jetzt aus. Es bleibt einzig das Damoklesschwert, das über unseren Köpfen schwebt.

 

Nadine_Schäfer Halle bleibt

Foto: © Nadine Schäfer

Nadine Schäfer (geb. 1991) studiert Humanmedizin an der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale. Als Mitglied des Fachschaftsrats Medizin und weiterer hochschulpolitischer Gremien setzt sie sich lokal vor allem für den Dialog zwischen Studenten und Professoren sowie eine Weiterentwicklung und Verbesserung der Lehre ein. Im April 2013 war sie Mitbegründerin des Aktionsbündnisses „Halle bleibt!“ National engagiert sie sich bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd).

Was sollen wir tun?

Wenn wir unsere Kommiliton_innen fragen, so herrscht Verwirrung, Unsicherheit und Wut gleichermaßen. Einige denken sogar schon darüber nach, die Uni zu wechseln, weil sie Angst haben, in Halle ihr Studium nicht beenden zu können. Sprechen wir mit Kandidaten für Professoren- und Arztstellen, so fragen diese sich, ob sie ihre Bewerbungen zurückziehen sollen. Aktuell scheitern deswegen Berufungskommissionen. Bevor also hohe Summen eingespart werden, sind die Schäden bereits zu sehen.

Und dabei spüren die Studierenden seit Jahren, dass an den Hochschulen bereits gespart wird: Hörsäle sind überfüllt, Seminare in viel zu großen Gruppen erschweren das Lernen, Einrichtungen und Labore sind renovierungsbedürftig. Darüber ärgern wir uns zwar, haben die Gegebenheiten jedoch soweit akzeptiert und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Jetzt aber, wo noch mehr Geld eingespart werden soll, haben wir uns entschieden, als Bündnis gemeinsam gegen die geplanten Einsparungen vorzugehen.

Denn Sachsen-Anhalt braucht seine Hochschulen, die eine einzigartige Vielfalt für dieses Bundesland bedeuten! Junge Menschen studieren gerne hier und bleiben nach ihrem Abschluss auch gerne in der Region. In den Zeiten des Fachkräftemangels hätte ein Wegfall von Studenten fatale Folgen für diese Region.

Halle bleibt!

Foto: © Halle bleibt!

Unterschriften für „Halle bleibt!“

Eine einzig gute Seite hat diese Bedrohung jedoch: Eine komplette Studentenschaft hat sich zusammengeschlossen, um für den Erhalt der Hochschullandschaft zu kämpfen. Das Aktionsbündnis „Halle bleibt!“ hat beispielsweise innerhalb von vier Wochen über 101.000 Unterschriften gegen die Sparmaßnahmen gesammelt, die dem Landtagspräsidenten in Magdeburg, Detlef Gürth, am 22.05. von Bündnisvertretern übergeben wurden. Diese Unterschriften werden nun an den Petitionsausschuss weitergereicht und müssen danach im Plenum behandelt werden. Da die Unterschriften aus ganz Deutschland stammen, haben wir gezeigt, dass das aktuelle politische Geschehen bundesweit auf Widerstand stößt und sehr viele Menschen die Studenten und alle Mitstreiter unterstützen.

Für die nächsten Wochen sind viele weitere Aktionen und Veranstaltungen an allen Hochschulstandorten in Sachsen-Anhalt geplant. Mehr Infos findet ihr hier: http://hallebleibt.de/