Untersuchungsgegenstand: Geistiger Diebstahl

Promotion

Foto: j.o.h.n. Walker/Flickr

Guttenberg, Koch-Mehrin und Schavan – die Politker_innen haben in ihrer Doktorarbeit plagiiert und so eine Diskussion über die Qualität von Doktorarbeiten angestoßen. Der Frage, wie sich diese Debatte auf die Arbeit der derzeit Promovierenden auswirkt, ist unsere Bloggerin Pauline Püschel nachgegangen und hat Doktoranden in Berlin befragt.

Die Promovierenden haben im Studium das korrekte wissenschaftliche Arbeiten gelernt. Doch die Angst vor Flüchtigkeitsfehlern bleibt. Somit müssen sich die Promovierenden ständig mit dem Zitieren und Angeben von Quellen auseinandersetzen und Daten korrekt erarbeiten und auswerten. In einem sind sich die befragten Doktorand_innen einig: Korrektes wissenschaftliches Arbeiten ist selbstverständlich. Sie ärgern sich über die prominenten Plagiatoren. Für sie ist es wichtig über andere Dinge zu diskutieren, zum Beispiel wie man die verschiedenen Anforderungen der Promotion koordiniert:

Nina (28), Doktorandin der Literaturwissenschaft: “Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, plagiiert nicht.”

„Ich war wütend über die ganze Plagiatsgeschichte und die Dreistigkeit. Aber ich habe das nicht in Bezug zu meinem eigenen Arbeiten gesetzt. Für mich ist klar: So etwas mache ich nicht. Ich habe schon immer eine Art Grundangst vor dem Plagiatsvorwurf, so dass ich total aufpasse. Ich habe das Gefühl, dass jetzt bei prominenten Promovierten genauer hingeguckt wird, nicht so sehr bei dem ‘normalen’ Doktoranden. Für die, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, ist es ein großes No-Go: Wenn man des Plagiates überführt ist, ist man raus aus dem wissenschaftlichen Betrieb.

Durch die Plagiatsfälle hat sich die Meinung über Universitäten und das Schreiben von Doktorarbeiten außerhalb des akademischen Betriebs stark verändert. Was mich gestört hat, ist, dass ich von Leuten, die keine Doktorarbeit schreiben und die nicht in der Uni sind, manchmal höre: ‘Die sitzen ja den ganzen Tag nur herum und machen nichts.’ Gerade wenn ich in einer eher quälenden Phase der Dissertation bin. Wenn man das selbst nicht macht oder selbst keinen Kontakt dazu hat, kann man sich manchmal einfach nicht vorstellen, was für eine fiese Arbeit dahintersteckt.

Es tut dem Bild vom Promovierenden erst recht nicht gut, wenn dann noch einer einfach alles abschreibt. Einerseits ist es ein riesiger Luxus, dass ich mir selbst ein Thema suchen darf. Andererseits habe ich immer wieder Rechtfertigungsprobleme, auch vor mir selbst, weil ich sehr frei bin. Ich denke mir manchmal, es wäre schöner, eine konkretere Arbeit zu haben, wo absehbarer ist, was am Ende dabei heraus kommt. Meistens überwiegt aber das Interesse und die Begeisterung für mein Thema. Bei mir war der Titel jedenfalls kein Grund für die Promotion.“

Kathrin (34), Doktorandin der Literaturwissenschaft: „Wissenschaftliches Arbeiten ist auch Learning by Doing“

„Ich glaube, dass im Rahmen der Plagiatsaffäre das Ansehen der einzelnen Personen gelitten hat. Es ist in allen Fällen evident, dass das Doktoranden waren, die nicht um der Wissenschaft willen promoviert haben. Ich selbst habe ganz, ganz wenig offizielle Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten bekommen. Aber man lernt es ja, indem man es tut. Man liest unglaublich viel Forschung und sieht dann einfach, wie es geht.

Ich unterrichte ziemlich viel. Momentan nimmt die Stelle meine ganze Zeit in Anspruch, aber ich lerne wahnsinnig viel, auch über das eigene Schreiben. Glücklicherweise hatte ich im Gegensatz zu einigen Kollegen noch keine offenkundigen Plagiatsversuche auf dem Tisch, aber schon häufig unvollständige Literaturnachweise oder Literaturverzeichnisse, die zur Hälfte aus Wikipediaeinträgen bestanden.

Es ist über die letzten Jahre zunehmend frustrierend geworden, dass ganz ganz viele Institutionen rein aus Prestigegründen, vielleicht auch aus dem Druck der Drittmittelbeschaffung, irgendwelche Promotionsprogramme aus dem Boden stampfen und für eine Inflation an Doktoranden sorgen. Und damit auch für eine Entwertung dieses akademischen Grades und natürlich auch dafür, dass die Konkurrenz unglaublich wächst. Diese ganzen Graduiertenkollegs und Graduiertenprogramme, die thematisch konzentriert sind, sind meiner Ansicht nach häufig Eintagsfliegen. Das sind zum Teil Modethemen.

Jedem ist klar, dass nicht einmal ein Zehntel der Doktoranden, die jetzt promovieren, jemals eine Professur oder Stelle bekommen wird. Das heißt, die Zukunftsangst wächst eigenartigerweise mit der Verbesserung der Situation für junge Doktoranden. ‘Wir werden hier als Exzellenzdoktoranden ausgebildet. Das verschafft mir ein Exklusivticket in die akademische Laufbahn.’ So wurde es in allen Doktorandenprogrammen suggeriert. Das Konzept geht überhaupt nicht auf und niemand hat sich darüber Gedanken gemacht, was nach den drei Jahren passiert.

Ich habe es ein bisschen bereut, zum Promovieren nicht in die USA gegangen zu sein. Das Promotionskonzept der Vereinigten Staaten hat sich sehr gut bewährt. Zunächst einmal gibt es da eine stärkere finanzielle Absicherung, aber auch eine umfassendere Ausbildung in Schlüsselqualifikationen des wissenschaftlichen Betriebes. Beispielsweise werden die Studenten dort von Beginn an an die gängigen Style Manuals gewöhnt. Dann haben diese Graduate Schools oft eine lange Tradition und haben entsprechend funktionierende Verwaltungsapparate. Ich glaube, der Übergang in den Beruf ist nahtloser.

Man sollte, bei aller Überforderung der Dozierenden, trotzdem auf eine gute Institutskultur achten. Diese Kultur und das Bewusstsein, dass Dozierende Gesprächspartner/Begleiter/Mentoren sein können, und dass das verdammt noch mal deren Job ist, gibt es in Deutschland kaum. Im Bachelorstudiengang an unserem Institut, wird die Lehre fast ausschließlich von Privatdozenten, Lehrbeauftragten und Drittmittelbeschäftigten, die freiwillig unterrichten, bewältigt. Wenige Professoren unterrichten im Bachelor.

Die Studierenden – das höre ich immer wieder in meiner Sprechstunde – betrübt und verunsichert diese Fluktuation an Lehrpersonal. Viele kennen nicht einmal einen Professor, den sie zur Betreuung ihrer Bachelorarbeit ansprechen können. Das ist ein strukturelles Problem. Meiner Meinung nach gibt es, auch durch die Digitalisierung und allgemeine Beschleunigung von Studienabschlüssen, einen stärkeren Bedarf, darauf zu achten, dass Dinge wie korrektes Zitieren richtig laufen.“

Anna* (28), Doktorandin der Vergleichenden Psychologie: „Ich wurde gut vorbereitet und weiß, worauf es ankommt.“

„Ich glaube, manchmal werden Doktorarbeiten zu selbstverständlich angenommen. Das ist ein Problem, gerade wenn man sieht, wie oft es schief zu gehen scheint. Bei Guttenberg kann das Problem ja nur gewesen sein, dass sie es entweder nicht detailliert gelesen haben oder die Literatur nicht kannten. Und wenn Prüfer sich in dem Thema z. B. nicht genau auskennen, dürften sie die Doktorarbeit eigentlich nicht annehmen. Ich glaube nicht, dass jede Doktorarbeit im Detail gelesen und nachgeforscht wird. Dass die ganze Doktorarbeit, die der Doktorand gemacht hat, noch einmal nachvollzogen wird.

Ich weiß auch gar nicht, ob dass möglich ist, wenn jemand Vollzeit zwei, drei Jahre daran arbeitet. Es geht ja auch immer um die Ehre des Forschers. Weil wir immer versuchen, dahinter stehen zu können und versuchen, dass unsere Argumentation nachvollzogen werden kann und andere sagen: ‘Okay, sehe ich auch so.’ Solche Fälle wie Guttenberg sind nicht besonders schmeichelhaft für die Forschung eines Landes. Ich glaube, im nicht-akademischen Umfeld werden jetzt mehr Witze gemacht, aber das muss man denen auch gönnen.

Die Primatologie ist ein ziemlich kleines Feld. Es ist einfach viel transparenter. Empirisch forschen, mit großen Datenmengen, kann einer allein gar nicht bewältigen. Man arbeitet eigentlich immer im Team und ich glaube, ganz großen Unsinn kann man da gar nicht machen, so lange nicht die ganze Arbeitsgruppe darauf verschworen ist. Es kann in der empirischen Forschung viel einfacher überprüft werden und wird es auch die ganze Zeit. Es ist bei uns nie einfach gewesen, zu schummeln.

Alles, was ich mache, basiert auf Veröffentlichungen und da steht z.B. der Name meiner ersten und zweiten Betreuerin drauf, so dass sie schon vorher ziemlich genau hingucken. In dem Moment, in dem ich ungenau arbeite, fällt es eben auf sie zurück. Diese drei Veröffentlichungen, die man haben muss – und jetzt stehe ich vor meinem ganzen Datenwust – das macht mir manchmal Angst. Allein schon der Prozess, Sachen zu veröffentlichen, ist sehr zeitintensiv. Ich empfinde das als Stress.“

Markus (30), Doktorand der Soziologie: „Es gehört sich einfach, die Arbeit anderer zu würdigen.“

„Wenn die Forschungsministerin auf einmal auch nicht im Stande ist, eine ordentliche Promotion abzugeben, die mit entsprechenden Quellen gesichert ist, da ist man schon erst einmal enttäuscht, zumindest aus persönlicher Sicht, als deutsche Studierende und Doktoranden und Doktorandinnen. Andere Forscher und deren Arbeit sollte man durchaus würdigen und nicht einfach über Bord fallen lassen, weil man sich dann selber profilieren kann. Weil es sich einfach gehört.

Im Falle Frau Schavan war es natürlich grenzwertig, weil sie auch im Prozess bei Guttenberg ordentlich Paroli geboten hat und dann selber davon betroffen war. Die Arbeit dieses Promotionsausschusses, der sich gegründet hat, hatte für mich erst mal Hand und Fuß. Vielleicht hat eher der Ruf des Politikers gelitten, dadurch, dass es sich da jetzt zumindest medial gehäuft hat. Das passt vielleicht ein bisschen in die Richtung, dass Machtbestrebungen wichtiger sind, als astreine Qualifikationsarbeiten abzulegen.“

Es ist natürlich schon oft passiert, dass Daten manipuliert wurden: Bei dem japanischen Forscher, der über 200 Paperveröffentlichungen hat, konsequent mit gefälschten Daten, wie letztes Jahr rauskam, war natürlich die Empörung in der wissenschaftlichen Community groß. Für die Soziologie kann ich es nur so weit beurteilen, dass natürlich die Offenheit und Transparenz gegeben ist. Wenn man z.B. eine quantitative Forschung macht, ist die Bereitschaft vorhanden, Fragebögen offenzulegen und im Zweifelsfalle auch Datensätze zu zeigen.

Im Studium gab es einige Seminare zum korrekten wissenschaftlichen Arbeiten. Da war immer mit drin: ‘Leute, zitiert richtig, macht Quellenangaben, ihr kommt in Teufels Küche,’ so nach dem Motto. Da wurde am Institut für Soziologie sehr viel Wert drauf gelegt. Dem konnte man auch nicht entgehen. Im Doktorandenstadium versteht sich das von selbst, auch aus Respekt vor anderen Forschern. Klar, muss man ständig bei Web of Science gucken, was in den eigenen Gefilden passiert, aber ich finde es in erster Linie dann auch interessant, andere Studien zu lesen. Ich nehme das ernst.“

Maria* (34), Doktorandin der Literaturwissenschaft: „Die Plagiatsaffäre wirft ein schlechtes Licht auf meine Arbeit.“

„Auf jeden Fall hat der Ruf der deutschen Wissenschaftslandschaft und Universitäten gelitten, garantiert. Ich war ziemlich sauer und enttäuscht über Guttenberg. Ich war empört, weil gerade in meinem familiären Umfeld nicht so das Verständnis für das wissenschaftliche Arbeiten da ist. Ich hatte das Gefühl, dass diese Debatte ein ganz negatives Licht auf diese Arbeit wirft. Im Alltagsgespräch mit Verwandten ist halt jeder zweite Witz irgendwie so ein Plagiatswitz, wenn es um das Witze machen über Doktorarbeiten geht.

Bei mir herrscht phasenweise Panik vor, weil ich natürlich jeden Tag versuche, angemessen zu zitieren und alles zu vermerken. Aber man kann sich selbst ja nicht einmal bis ins Letzte trauen, weil man nicht bei jeder Idee, die man entwickelt, ganz genau nachvollziehen kann, wie sich diese Ideen gestaltet haben. Ich habe dann ganz oft Angst, dass ich entscheidende Stellen vergessen habe. Ich habe schon große Angst davor, dass jetzt viel stärker begutachtet wird.

Angefangen habe ich 2008. Es hat sich alles so lange hingezogen, unter anderem, weil ich während der Promotion zwei Kinder bekommen habe. Ich leide schon ordentlich darunter. Die Vereinbarkeit von Kinderkriegen und Schreiben und das Ankämpfen gegen die eigenen Erwartungen, die man hat. Weil ich mich und meine Leistungsfähigkeit noch aus der Zeit ohne Kinder kenne. Ich brauche einfach für vieles viel länger, weil ich vieles im Kopf habe, das erst mal sortiert werden muss, bevor ich mich wirklich auf das Schreiben konzentrieren kann.

Im Juni endet mein Stipendium. Ich bin jetzt schon am hin und her überlegen, weil ich bei uns in der Familie weitgehend das Geld verdiene. Ich habe viele Bewerbungen im Unibereich geschrieben und die sind bislang nie positiv entschieden worden. Im Moment bin ich für Unijobs extrem schwer zu vermitteln, weil ich eben auch keine volle Stelle haben kann, weil ich die Dissertation fertig machen muss. Hätte ich ein paar hundert Euro, würde ich bestimmt ein Lektorat meine Doktorarbeit auf Plagiate untersuchen lassen, um Flüchtigkeitsfehler zu finden. Im Moment brauche ich das Geld aber für andere Sachen.“

* Die Namen von Anna und Maria wurden geändert.

Das könnte dich auch interessieren

  • „Der Fall Schavan ist nicht vollständig untersucht“„Der Fall Schavan ist nicht vollständig untersucht“ Martin Heidingsfelder ist einer der Plagiatssucher, der die Doktorarbeit von der gerade zurückgetretenen Bundesbildungsministerin Annette Schavan durchleuchtet hat. Im Interview spricht er […]
  • Wissenschaftler_innen aller Hochschulen, vereinigt euch!Wissenschaftler_innen aller Hochschulen, vereinigt euch! Dein Vertrag ist befristet, deine Überstunden unbezahlt und die Planungssicherheit für deine sogenannte Karriere reicht ungefähr fünf Minuten in die Zukunft? Sieht so aus, als hättest du […]
  • Einsam durch RitalinEinsam durch Ritalin Effektiver, fokussierter, konzentrierter: Jura-Student Robin K. schluckt Ritalin, um seine Leistung im Studium zu steigern. Erst spät merkt er: Die Konzentrationsdroge erstickt seine […]
  • Unter dem DamoklesschwertUnter dem Damoklesschwert Studierende in Sachsen-Anhalt haben die Initiative "Halle bleibt!" gegründet. So wollen sie um den Erhalt der medizinischen Fakultät in Halle kämpfen. Inzwischen will das Land weitere […]
  • RSS
  • Email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • LinkedIn
  • Delicious
  • StumbleUpon