Der programmierte Schüler

Der programmierte Schüler

Bild: © Jonas Hertel

Der 17-Jährige Schüler Jonas Hertel hat ein Buch darüber geschrieben, was in Schulen falsch läuft. In „Der programmierte Schüler“ macht er deutlich, wie Jugendlichen die Lust am Lernen genommen wird. Unsere Bloggerin Ina Bigalke hat es gelesen. Eine Rezension.

Wenn z1=m1, dann m2=z2. Das ist die Formel, mit der Schulnoten die Köpfe von Schülern programmieren. Das geht ganz einfach: Bewertet man die Neugier und den Wissensdurst eines Schülers (z1) häufig genug mit Noten (m1), wird das  ursprüngliche Ziel des Schülers, etwas Neues zu entdecken, durch das Ziel, eine bestimmte Note zu erreichen (m2) ersetzt. Ein Schüler beginnt darauf hin, nicht mehr um des Wissens willen zu lernen, sondern für gute Noten zu arbeiten (z2). Gibt man ihm im Anschluss keine Noten mehr, wird er aufhören zu lernen.

Warum dieser unscheinbare psychologische Effekt Sand im Getriebe unseres Bildungssystems ist, erklärt uns der Schüler Jonas Hertel und stellt in seinem E-Book Der programmierte Schüler – Was in der Schule wirklich läuft und was wir sofort dagegen tun können das deutsche Bildungssystem vor Gericht.

Anklage

Ironisch überspitzt wirft er unserem Bildungssystem vor, Noten dazu einzusetzen, Schülern die Begeisterung am Entdecken auszutreiben und sie dazu zu bringen, den trockenen Schulstoff mechanisch abzugrasen und Gelerntes in Klassenarbeiten wiederzukäuen, für das sie im realen Leben kaum Verwendung finden. Er nennt Noten ein Verbrechen und zeigt, wie sich Schüler durch sie nicht nur dirigieren, sondern auch definieren lassen.

Auch legt er dem Bildungssystem zur Last, durch Missbilligung von Fehlern Lernangst und daraus folgend Lernhass zu provozieren und Schüler_innen so in ihrer persönlichen Entwicklung zu stören. Diese Störung sei so nachhaltig, dass sie selbst als Erwachsene noch mit den Spätfolgen ihrer Schulzeit kämpfen und ein gespaltenes Verhältnis zum Lernen zeigen.

Beweisführung

Beweise holt sich der schulpflichtige Ankläger aus der Hirnforschung und zitiert im sauberen Stil einer Belegarbeit Werke wie Dwecks „Selbstbild“, Watzlawicks „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ und Csikszentmihalyis „Flow: Das Geheimnis des Glücks“. Dabei erklärt er neurologische, psychologische und philosophische Ansätze anschaulich und zeigt wie diese mit den Problemen unseres Bildungssystems in Zusammenhang stehen. Seine Ausführungen ergänzt er stilsicher mit Vergleichen, Sprachbildern, Beispielen und Illustrationen und meistert es, die Balance zwischen Ironie und Sachlichkeit zu halten.

Plädoyer

Obwohl für Jonas Hertel feststeht, dass das deutsche Schulsystem in allen Punkten der Anklage schuldig zu sprechen ist, richtet er sich in seinem Schlussplädoyer nicht nur an politische Akteure, sondern auch an seine Mitschüler_innen. Er macht ihnen Mut, den ersten Schritt zu tun, den Schulhass hinter sich zu lassen und die Freude am Lernen für sich allein zurückzugewinnen. Er fasst sich an die eigene Nase und beweist mit seinem sorgfältig zusammengestellten Werk, dass seine Lust am Lernen auch unter schwierigen Bedingungen gedeiht.

Als Leserin kann ich nur hinzufügen: Danke Jonas. Gute Arbeit. Diese Freude am Lernen, aber auch am sich Einmischen, ist es, die wir brauchen, um die Hürden in unserem Schulsystem zu überwinden. Ich hoffe, dass dieses Werk seinen Weg in die E-Reader möglichst vieler Schüler_innen und Ex-Schüler_innen findet.

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