Prechts pauschale Bildungsrevolution

 

Precht - Ohne Funktion

Foto: © Bettina Malter

Der Philosoph, Publizist und Medienliebling Richard David Precht schlägt in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ eine Revolution des Bildungssystems vor. Seine Ideen greifen aber viel zu kurz. Mit seinen spitzen Aussagen trifft er die Falschen. Einem Philosophen sollte man eigentlich größeres Denkvermögen zutrauen.

Wenn aktuell etwas einfach ist, dann ist es, eine vernichtende Predigt auf das deutsche Schulsystem zu verfassen. Die innerdeutschen Debatten, seien sie politisch, gesellschaftlich oder universitär geführt, geben jedem Recht, der sich diesem Thema widmet. Richard David Precht wagt gerade jetzt diesen Vorstoß in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“, aber er erhält doch nur verhalten Beifall. Denn viele seiner Lehr-Lernprozess-Ideen sind schon lange im Gespräch. Viele Reformvorschläge sind auch bereits in den Klassenzimmern angekommen. Precht müsste etwas anderes viel stärker in den Blick nehmen, und zwar diejenigen, die die Bedingungen für unser Bildungssystem schaffen.

Prechts Appell bleibt zu oberflächlich

Ohne Zweifel nimmt Precht große Bildungsbaustellen in den Blick. Dass beispielsweise Zensuren nicht der „Persönlichkeit unserer Kinder“ gerecht werden, sondern dass sie Momentaufnahmen sind, ist jedem, der bewerten muss, klar. Auch der Bedarf, das ein oder andere Schulhaus zu sanieren, um eine angenehmere Lernatmosphäre zu schaffen, steht außer Frage. Was Precht weniger thematisiert, ist, dass diese eher formalen Gegebenheiten, wie Zensuren, Schulhausgestaltung und die 45-Minuten-Taktung, nur durch politische Verantwortliche geändert werden können.

Den Anstoß sollten diese über die Universitäten und Pädagogischen Hochschulen erhalten. Denn diese verhandeln die Fragen, die das Lernen betreffen, z. B. nach der Ganztagsschule, dem klassen- und fächerübergreifenden Lernen und der Auflösung des Fächerkanons. Solche Themen eben, die wiederum eine Auswirkung auf die gesamte Gestaltung von Schule haben. Precht vernachlässigt es, einen Appell an die zuständigen Einrichtungen abzugeben, sich auf ein Bildungsmodell zu einigen, das bildungstheoretisch und empirisch fundiert für unsere Schüler_innen am wertvollsten ist.

 Precht macht es sich einfach

Problematisch wird es, wenn Precht diese ersteren Forderungen mit Aussagen vermischt, die sich auf das individuelle Lernen beziehen. Denjenigen, die in der Schule tätig sind und den gelegentlich erwähnten Eltern, mag diese Mixtur nicht bekommen. Precht klagt auf eine undifferenzierte Art und Weise an, worum jene bereits jeden Tag bemüht sind.

Beispielsweise stellt er fest, dass „Kinder lernen wollen“. Er geht hier vom konstruktivistisch geprägten Ansatz der Montessori-Pädagogik aus, die sich für die Gestaltung von Lerngelegenheiten ausspricht, so dass Kinder in ihrem Lernen selbsttätig werden. Precht verurteilt die Eltern für ihr zudringliches Verhalten im Lernprozess und die Lehrer_innen für ihren „schlechten Unterricht“. So verlieren Kinder ihre natürliche Lust. Ja, Herr Precht, das ist nichts Neues und oberflächlich dazu. Gerne würde ich Herrn Precht den Besuch einer Didaktikvorlesung raten, in der ununterbrochen schülergerechtes Arbeiten, Subjektorientierung, Motivation und Individualisierung gepredigt wird.

Auf die Spitze treibt er schließlich seine Überlegungen im Zusammenhang mit der Forderung „Jedes Kind ist anders“. Er geht davon aus, dass eine gute Schule und die Lehrpersonen eigentlich den Bedürfnissen der jungen Menschen und ihrem Lerntempo gerecht werden sollten. Hinter dieser Aussage steckt die selbstverständliche Annahme, dass Schule und Eltern eine differenzierte Betreuung und Förderung nicht leisten.

Mit Sicherheit hat er jetzt die anderen Eltern vor Augen, die sich eben nicht in den Lernprozess der Kinder einmischen und, weil sie lieber fernsehen, das Kind nicht unterstützen. Das sind dann die Eltern mit dem „schädlichen Einfluss“. Vielleicht denkt er aber auch an die Lehrer_innen, die in einem 45-minütigen Vortrag die Funktionen der Dampfmaschine erklären, obwohl keiner die Fachbegriffe versteht, das Thema für unsere Zeit nutzlos ist und es daher niemanden interessiert. Diese Szenarien, die es mit Sicherheit auch geben mag, als Regelfall anzunehmen, ist nicht mehr als ein reiner Kulturpessimismus.

Seine Kritik trifft die Falschen

Meine Zuspitzungen sollen zeigen, was Prechts Aussagen auslösen können. Precht macht den Fehler, strukturelle Gegebenheiten mit individuellen Lernprozessen zu vermischen. Indem er so grundständig an Unterrichtsprozessen und Kleinstformen der Organisation Kritik übt, trifft er die Falschen. Er bewirkt nichts anderes als Schulleiter_innen, Lehrer_innen und Eltern abzustrafen, die zum größten Teil selbst im Korsett des Bildungssystems feststecken.

Dazu erhält er nicht den erwünschten Reflex, dass diese in die Revolutionsgesänge mit einstimmen, sondern dass sie sich für ihre Tätigkeit im Kleinen schuldig fühlen müssen. Dass diese Akteure aber versuchen, Schulprofile aufzubauen, z. B. durch einheitliche Schulziele oder eine identitätsstiftende Schulkleidung (keine Uniform), und versuchen Lernatmosphären zu schaffen, in denen möglichst viele erfolgreich sind, z. B. durch Praktikumsphasen, Schulprojektwochen, Wahlunterricht, individuelle Berufsberatung, etc., lässt Precht unerwähnt.

Anstatt die Eltern als „schädlich“ für den Bildungserfolg des Kindes zu bezeichnen und Lehrende als unsensible Schubladendenker, die nichts anderes im Sinn haben als eine Masse von Unmündigen zu produzieren, sollte sich man sich lieber auf die Potentiale und Bewegungen in den Schulen besinnen, die bereits vorhanden sind. Trotz seiner Position als bekanntester „Sofakritiker“ (Ties Rabe) wird er die Revolution mit Sicherheit nicht alleine bestreiten können.

Das könnte dich auch interessieren

  • Über die Sisyphosarbeit der BetreuungssucheÜber die Sisyphosarbeit der Betreuungssuche Durch die Umstrukturierungen im Mittelbau deutscher Hochschulen hat sich die Betreuungssituation an vielen Unis dramatisch verschlechtert. Viel Studierende tun sich mittlerweile schwer […]
  • Mädchen brauchen keinen separaten UnterrichtMädchen brauchen keinen separaten Unterricht Die NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann fordert getrennten naturwissenschaftlichen Unterricht für Mädchen und Jungen. Dass dieser Vorschlag ausgerechnet von einer Grünen-Politikerin kommt, […]
  • Bildung mitgestaltenBildung mitgestalten Die Gesellschaft wird immer demokratischer, doch im Bildungssystem können die unmittelbar Betroffenen meist nicht mitreden. Welche Vorschläge die Parteien machen, um das zu verändern, […]
  • Eure Vergangenheit ist nicht der MaßstabEure Vergangenheit ist nicht der Maßstab Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft Schüler aus verschiedenen Bundesländern, um mit ihnen u.a. über Bildung zu diskutieren. Dabei zieht sie ihre eigene Schullaufbahn heran, um schlechte […]
  • RSS
  • Email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • LinkedIn
  • Delicious
  • StumbleUpon