Mathe-Abi-Prüfung zum Scheitern

Plakat der Demo in NRW: Abi-Matheklausur

Plakat einer Schülerin, die in NRW für eine Abi-Nachschreibeklausur protestierte Foto: © AK/Facebook

In Nordrhein-Westfalen protestieren Schüler_innen gegen eine zu schwierige Mathe-Abitur-Klausur. Unser Blogger Lukas Claes hat sie mitgeschrieben und für uns notiert, wie es ihm und seinen Mitschüler_innen während der Prüfung ging.

Am 17. April saß ich um neun Uhr in der Schule und schrieb meine letzte Abiturklausur: Mathematik. Drei Stunden hatte ich Zeit, um jeweils eine Aufgabe aus den Bereichen Analysis und analytische Geometrie zu bearbeiten. Mit dem ersten Teil kam ich erstaunlich gut zurecht und hatte deshalb mehr Zeit für den zweiten, der mir schwieriger vorkam. Obwohl ich für Mathematik mehr gelernt hatte als für meine beiden Leistungskurse zusammen, hatte ich bei dem zweiten Teil Probleme mit den vielen, oft kompliziert formulierten Aufgaben. Sie waren deutlich schwieriger als in Klausuren aus vorherigen Jahren, mit denen ich im Internet geübt hatte.

Als ich etwa bei der Hälfte der Klausur nicht mehr weiterkam, bereitete mir ein Blick auf die Uhr Panik: Ich hatte bereits zahlreiche Seiten mit verschiedenen Rechenansätzen beschrieben, die ich jedoch wieder wegstreichen musste, weil sie zu keinem Ergebnis führten. Und zugleich wusste ich: Diese eine Klausur ist für meinen Abiturschnitt wirklich wichtig. Ich schöpfte den vorgegebenen Zeitrahmen bis zur letzten Sekunde aus und trotzdem überkam mich die Angst, doch alles falsch gemacht zu haben. Als die Klausur abgegeben war, fühlte ich mich nicht wirklich erleichtert, eher bedrückt.

Die Parallelklasse hatte auch Probleme

Nach der Klausur sprach ich mit meinen Mitschüler_innen darüber und erfuhr, dass es in den Parallelkursen schwerwiegendere Probleme gab. „Ich hoffe, mein Lehrer gibt mir nicht null Punkte“, sagte mir eine Mitschülerin, sichtlich enttäuscht von der Klausur. Doch wie kann es sein, dass mein Kurs noch halbwegs Glück hatte, während andere über die Aufgabenstellungen der Klausur so verzweifelten?

Im Zentralabitur gibt es zu den beiden mathematischen Bereichen Analysis und analytische Geometrie jeweils zwei Klausuren. Die Fachlehrer_innen müssen aus jedem Bereich eine Klausur auswählen, die dann von dem Kurs bearbeitet werden muss. Insbesondere die Schüler_innen, die eine Aufgabe zu Abbildungen mit Matrizen im Bereich der Geometrie lösen mussten, kamen überhaupt nicht zurecht. Ein Freund von mir, der Mathematik sein bestes Fach nennt, verzweifelte regelrecht daran und erzählte mir, dass er „gar nichts geschafft“ habe. Wir alle waren ratlos, warum manche Lehrer_innen sich in der Auswahl für die eindeutig schwierigeren Klausuren entschieden hatten.

Viele meiner Mitschüler_innen waren enttäuscht, denn in den komplizierten Berechnungen der Abiturnote fließen die Klausurergebnisse zu einem Drittel mit ein. Ein paar Punkte weniger in einer Klausur, können also direkten Einfluss auf jene Abschlussnote haben, um die sich die Schüler_innen zwei Jahre lang bemüht haben. Hinzu kommt, dass sich aufgrund des Doppelabiturjahrgangs in diesem Jahr, der Andrang auf die Hochschulen in NRW vergrößern wird. Die gestiegene Konkurrenz um die Universitätsplätze lässt bereits jetzt annehmen, dass die Anforderungen an die Hochschulbewerber_innen steigen und somit Abiturnoten im Kampf um die Plätze bedeutsamer werden. Das Ergebnis einer einzigen Mathematikklausur kann also über die Studienplanung von uns Abiturient_innen mitentscheiden.

Was ist eigentlich mit dem Ministerium?

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass viele Schüler_innen gegen diese zu schwierigen, für viele unlösbaren Klausuren protestieren. Doch sehe ich neben dem Ministerium, das diese Klausuren herausgegeben hat, auch jene Lehrer_innen in der Verantwortung, die aus dem Aufgabenpool die schwierigeren ausgewählt haben. Hätten sie, die uns jahrelang bei der Vorbereitung auf das Abitur unterstützt haben, nicht wissen müssen, dass diese Aufgaben über das Gelernte hinausgehen?

Die zahlreichen Proteste in NRW machen dabei deutlich, dass es sich bei diesem Vorfall nicht nur um die Einschätzung einzelner – vermeintlich schlecht vorbereiteter – Abiturient_innen handelt.

Ich fordere also, dass der Erwartungshorizont angeglichen wird, damit wir Schüler_innen nicht schlechter benotet werden als unsere Leistung tatsächlich ist. Wir Schüler_innen haben in den letzten Wochen und Monaten sehr viel gelernt und standen nicht nur während der Prüfungs-, sondern auch der wochenlangen Vorbereitungszeit durchgehend unter Leistungsdruck.

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