Ägypten: Mickey und der Muslimbruder

Waisenkinder in Ägypten

Tag des Waisenkinder im Norden Kairos © Mohamed Amjahid

In Ägypten versucht die junge Generation die Bildungsmisere in Eigenregie zu lösen. Das klappt nicht unbedingt pannenfrei, aber die jungen Freiwilligen geben sich Mühe, auch weil sie von Politik und Establishment wenig Hilfe bekommen. Ein Gastbeitrag von Mohamed Amjahid.

Mickey Mouse holt mit dem rechten Fuß weit aus und kickt Hassan in die Luft. Nach einigen Metern im Schleudermodus landet der Zwölfjährige auf seinem Gesäß im Staub. Die Kinder, die jungen Freiwilligen, die anwesenden Gäste, alle starren sprachlos auf die Szene in der Mitte des Platzes. Für einige Sekunden verstummen Kinderlärm und -gelächter, nur die schräge Musik aus den eigentlich defekten Lautsprechern dröhnt unbarmherzig durch alle Ohren. Hat Mickey gerade ein Kind geschlagen?

„Ich wusste, dass er der falsche für den Job im Mickey-Kostüm ist“, sagt Amina, eine der Organisatorinnen des heutigen Tages, „früher oder später musste die Maus durchdrehen“. Hassan wollte partout Mickeys Nase nicht loslassen und muss seine Leidenschaft für Ungehorsam nun mit großen Schmerzen bezahlen. Doch Mickey wäre nicht der Held aller Kinder hier in einer der vielen informellen Siedlungen im nördlichsten Kairoer Stadtteil Marg, wenn er sich nicht schnell mit seinen Freunden vertragen würde. Zumindest strahlt Hassan als er auf den Schultern der Maus eine Ehrenrunde drehen darf und der Fahrtwind trocknet seine Tränen im Nu.

Mohamed Amjahid (1988) studiert Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und an der Cairo University. Als freier Journalist arbeitet er derzeit in Ägypten für die Wochenzeitung die Die Zeit und die ARD-Kulturwellen.

Am 12. April war „Tag des Waisenkindes“ in Ägypten. Überall im Land bekommen die Waisen Geschenke und werden dabei aus allen Winkeln fotografiert. Im Staatsfernsehen werden ihre Bilder mit Musik von Vivaldi unterlegt. Die Initiative der Marg-Jugend, die nach der Revolution den größten Andrang an Freiwilligen verzeichnete, hat sich dafür entschieden, ihr Angebot für die Waisenkinder im Viertel als „Tag des Kindes“ zu deklarieren. Die kleinen Bewohner des hiesigen Waisenhauses würden sich damit, so Amina, weniger komisch vorkommen. Außerdem dürfen auch alle anderen Kinder aus dem Viertel mitmachen: „Kind ist Kind und hier sind die meisten bedürftig.“

Und so haben sich rund 150 von ihnen im Sportklub für einen halben Tag Spiel und Spaß eingefunden. Es wird getanzt, Gesichter werden angemalt, zwischendurch sponsert ein anderer Verein labbrige Brote mit je einer Wurst pro Kind. Hier in Marg gehen viele Kinder nicht zur Schule, ihr Alltag besteht darin, Dinge zu schleppen, Müll zu sammeln, Taschentücher zu verkaufen. Und die Kinder, die zur Schule gehen, arbeiten halt nach dem Unterricht, um ein paar Pfund zur Portokasse beizusteuern. Es gibt kein permanentes Angebot für sie, weder zum lernen noch zum spielen. Die Playstation-Cafés und Billardtische auf dem Marktplatz einmal ausgenommen.

Unter den Gästen ist ein Muslimbruder

Deswegen haben sich zwei Duzend junge Menschen, meistens zwischen 20 und 30 Jahren, zusammengefunden. Kurz vor der Revolution hatten sie die Intention, etwas anzubieten. Kurz nach der Revolution, an der sie hier am Rande der Kairoer Peripherie nicht teilgenommen haben, hatten sie die nötige Motivation „zu handeln“, wie Amina erzählt. Sie versuchen, so gut es eben geht, den Kindern etwas zu bieten. Mal ist es ein Ausflug zu den Pyramiden, mal Unterricht wie man im Islam betet, mal einfach nur Aufsicht von kreischenden Kindern.

Unter den wichtigen Gästen sind heute auch ein Muslimbruder, zwei Salafisten von der Nour-Partei und der Direktor der lokalen Schulbehörde. Sie geben sich natürlich die Ehre am Tag des Kindes, streicheln über Köpfe, heben die Daumen für die größeren Kinder und knutschen die tapsigsten, wehrlosen unter ihnen ab, so dass die Farben auf ihren Wangen nun am späten Nachmittag ganz verschwommen sind. Und weil die Politiker und Beamten so wichtig sind, murren die Kinder auch nur kurz als sie ihr Spiel „Wer hat Angst vor der schwarzen Maus?“ abbrechen müssen, um für ein Gruppenfoto mit ihnen zu posieren.

Mickey zündet sich währenddessen eine Zigarette an. Er ist wieder außer sich und muss etwas Dampf ablassen: „Die wichtigen Leute kommen nur, um Bilder mit den Kindern zu machen. Der dicke Muslimbruder dort will doch nur Fotomaterial für seine nächste Wahlkampagne!“

Gerne würde ihn Mickey aus der Welt kicken, zunächst setzt er aber seinen Kopf wieder auf und tollt weiter mit den Kindern.

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