Einsam durch Ritalin

Einsam mit Ritalin

Foto: © Bettina Malter

Effektiver, fokussierter, konzentrierter: Jura-Student Robin K. schluckt Ritalin, um seine Leistung im Studium zu steigern. Erst spät merkt er: Die Konzentrationsdroge erstickt seine Impulsivität und macht ihn einsam. Die Geschichte eines Lerndopings. Von Nina Bust-Bartels.

Robin ist versunken. Er schweift nicht ab. Alle Affekte sind unterdrückt. Seine geballte Aufmerksamkeit ist auf den Text vor ihm gerichtet. Ihn nimmt er so intensiv wahr, wie noch nie: “Mit Ohropax im Ohr, wenn alle Geräusche ausgeschaltet sind, wirkt der eigene Herzschlag plötzlich unglaublich laut, genauso wirkt Ritalin.” Der Text wird zum Herzschlag.

Es beginnt an einem Septembermorgen 2008, die Sonne ist noch warm, nur die bunten Blätter kündigen bereits den Herbst an. Acht Uhr, ein normaler Lerntag beginnt: Zehn Stunden, eine Stunde Mittagspause, wie immer. Vor Robin liegen die “Deutschen Gesetze”, die rote Bibel der Jura-Studierenden. Daneben wie jeden Tag Karteikarten und Federmappe. Doch heute soll es anders werden. In der Federmappe, sorgsam in Alufolie versteckt, die kleine Pille: Fünf Milligramm Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin. Robin greift zu und schluckt.

Nina-Marie-Bust-Bartels

Foto: © Nina-Marie-Bust-Bartels

Nina Bust-Bartels (geb. 1985) hat Politikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Heidelberg, Valparaíso und Mexiko Stadt studiert. Während ihres Studiums engagierte sie sich u.a. im Allegmeinen Studierendenausschuss (AStA) und schrieb für die taz und die Studierendenzeitung UNiMUT. Derzeit ist sie Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Fünf Jahre ist das nun her. Blauweiß waren die Schachteln mit den Pillen, gestreift und mit dem Schweizer Wappen darauf. Eine hat Robin noch immer. Heute hat er sie wieder hervorgeholt, er hält sie in den Händen und erzählt: “Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich exakt das Gefühl zurückrufen, das Ritalin in mir auslöste.”

Methylphenidat wirkt im Gehirn. Es senkt den Spiegel des Botenstoffs Dopamin, der für die Impulse zuständig ist. Das innere Impulssystem wird abgestellt. Wer Ritalin nimmt, hat weniger Bedürfnis nach Nähe, braucht weniger Schlaf, verspürt weniger Hunger und Durst. Kinder mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS bekommen es, um den disziplinarischen Anforderungen der Schule zu genügen.

Ritalin ist verschreibungspflichtig. Robin bekommt es damals von seiner Freundin, deren Vater Psychotherapeut ist. Sie nimmt es regelmäßig, sie empfiehlt ihm, es auszuprobieren. Bisher war Robin immer zufrieden mit seinem Lernpensum. Jetzt geht es auf das Examen zu, jetzt reicht die eigene Leistungsfähigkeit plötzlich nicht mehr. Der Druck wächst, alle anderen scheinen effektiver zu lernen, mehr zu schaffen, jeden Tag. So beschließt Robin, das mit dem Ritalin zu probieren.

Das erste Gefühl: Euphorie

Nach einer Stunde setzt die Wirkung ein. “Ich merke, wie ich innerlich ruhiger werde”, beschreibt Robin den Effekt. Seine Wahrnehmung wandelt sich: “Es ist wie beim Inhalieren: Unter dem Handtuch spürt man nichts als den heißen Wasserdampf auf der Haut.” Hier über den “Deutschen Gesetzen” stülpt ihm das Ritalin ein Handtuch über den Kopf. Alle Geräusche sind gedämpft. “Das Mittel schirmt mich sogar visuell ab.” Robins optischer Wahrnehmungskreis verengt sich. Seine Augen sehen nicht mehr die bunten Blätter am Baum vor dem Fenster, nicht mehr die Nachbarn, nicht mehr den Tisch, nicht mehr das Handy: Nur noch die Buchstaben schwarz auf weiß.

Das erste Gefühl: Euphorie. “Diese unglaubliche Fokussierung. Kein Abschweifen mehr, nur noch der Text und ich.” Später wird Robin diese erste Ritalin-Erfahrung als Glücksmoment beschreiben. Gleichzeitig ahnt er bereits: “Hier habe ich eine Grenze überschritten.” Er ließ sich von etwas von außen Vorgegebenem, wie dem Examen, so sehr beeinflussen, dass er bereit war, in seinen Körper einzugreifen. “Ich habe mich vor mir selbst geschämt”, sagt Robin.

Jeder fünfte Studierende in Deutschland nimmt leistungssteigernde Mittel. Das ergab eine Studie an der Universität Mainz, die im Januar veröffentlicht wurde. Neben Ritalin nehmen die Leistungswilligen Beta-Blocker oder Modafinil, ein Mittel gegen Schlafkrankheit, gegen Nervosität. Nicht jede Substanz eignet sich jedoch für jedes Fach. An einer Kunsthochschule Ritalin zu schlucken, das wäre völlig absurd, kommt es hier doch gerade auf die spontanen unkontrollierbaren Assoziationen an. Ritalin unterbindet Kreativität, in Studiengängen in denen sie nicht gefragt ist, hilft das.

Über fünf Monate nimmt Robin Ritalin. Die kleine Pille aus der Federtasche wird zum morgendlichen Ritual, zum Garanten für einen produktiven Lerntag. Robin lernt nicht viel länger als vorher. Auch vor Ritalin verbrachte er täglich zehn Stunden vor dem roten Buch voller Paragraphen. Aber Ritalin macht ihn effektiver, produktiver, fokussierter. So schafft er mehr. Vorbei sind die Tage an deren Ende ein Gefühl des Scheiterns vor dem eigenen Leistungsanspruch stand. Doch damit das Handtuch über dem Kopf undurchlässig bleibt, damit der Fokus absolut wird, braucht Robin immer mehr Ritalin. Bald verdoppelt er die morgendliche Dosis. Schließlich vervierfacht er sie.

An Doping-Vorschriften für Sportlerinnen und Sportler mangelt es nicht. In der Wissenschaft hingegen gibt es kaum Richtlinien. Neuroenhancement heißt die medikamentöse Steigerung der Gehirnleistung in den USA. Dort ist sie im Wissenschaftsbetrieb viel verbreiteter. Wissenschaft ist eine Gemeinschaftsleistung, sie ist an einem höheren Ziel orientiert, das die Menschheit weiter bringt, finden die Befürworter. Meistens jedoch dienen die Pillen der eigenen Karriere, dafür unterwirft sich der Aufsteigewillige den Anforderungen des Lehrplans, den Erwartungen der Vorgesetzten – vollends mit Körper und Persönlichkeit.

Für Robin hat die medikamentöse Selbstoptimierung einen hohen Preis. Je länger er die Konzentrationsdroge nimmt, desto stärker verändert er sich – auch abends, wenn er die Wirkung der morgendlichen Pille nicht mehr spürt. “Früher war ich assoziativ, spontan. Dinge die mir begegnet sind, habe ich einfach gemacht.” Nun erstickt das Ritalin diese Impulsivität. “Ich habe mich noch nie so einsam gefühlt”, erzählt Robin. “Als wäre ich alleine auf der Welt. In mir das sichere Gefühl, niemand kennt mich, niemand kann meine Situation nachempfinden.”

Das Ritalin verändert Robin

Die Examenszeit ist bei Juristen generell eine asoziale Angelegenheit. Der Druck, das viele Lernen, lassen nicht viel Platz für soziale Beziehungen – und das über Jahre. Ritalin hat diese Tendenz pervertiert: “Aus dem Zustand der absoluten Fokussierung heraus, will ich nur noch alleine sein”, sagt Robin. Er hört auf sich für die Mittagspause zu verabreden. Robin beginnt zu ahnen, das Ritalin verändert ihn. Gleichzeitig lernt er so effektiv wie noch nie.

Nach gut fünf Monaten kommt der Wendepunkt. Frühlingsanfang: Robin sitzt auf den Stufen vor der Universität. Pause. Ein süßes Teilchen vom Bäcker, der Pappbecher in seinen Händen voll Kaffee. Die Sonne scheint. Nur das Ritalin macht keine Pause. Die Wirkung des Medikaments kann er nicht einfach unterbrechen.

Ein Freund spaziert vorbei. Der Impuls zu grüßen, mit Ritalin kommt er nicht: “Ich merke, dass ich nicht will, dass er mich sieht.” Das Mittel will Fokus, Abschweifen wird unterdrückt. Und soziale Beziehungen sind Ablenkung. Robin erschrickt vor sich selbst, realisiert, wie die Leistungspille ihn verändert hat. Das ist der Moment an dem er beschließt, Schluss zu machen, sich vornimmt, nie wieder Ritalin zu nehmen.

Die ersten Tage ohne Ritalin: “Das war schwer”, sagt Robin heute. “Ich hatte das Gefühl, eigentlich könnte ich mehr schaffen, schneller sein. Die Versuchung, es erneut zu nehmen, war groß.” Er dreht die blauweiße Packung mit dem Ritalin zwischen den Fingern. Während den drei Jahren Examensvorbereitung lag sie in seinem Schrank, hinter den Karteikarten – benutzt hat er sie nicht mehr.

“Vielleicht hat Ritalin mich reingebracht in das Lernen”, sagt Robin. “Weil ich wusste, was möglich ist, schaffte ich es, auch ohne Chemie konzentrierter zu sein.”

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