„Ich war ein Problem“

Foto: © Bettina Malter

Rebecca Maskos ist freie Journalistin. Sie hat Glasknochen und ging nicht wie von der Schulbehörde vorgesehen auf eine Sonderschule. Im Interview mit „Was bildet ihr uns ein?“ spricht sie darüber, wie sie auf eine Regelschule kam und was das für sie bedeutete.

Wbiue?: Frau Maskos, als freie Journalistin haben Sie die Plattform Leidmedien.de mit gegründet. Darauf finden Journalist_innen Hinweise, wie sie möglichst nicht über Behinderte berichten sollen. Wenn Sie an Ihre Einschulung zurückdenken, wie würde man darüber schreiben?

Maskos: Vielleicht so: Gegen jede Regel in die Regelschule. Meine Eltern haben das damals gegen alle geltenden Gesetze durchsetzen müssen – damals gab es noch Sonderschulpflicht für behinderte Kinder. Ich wurde 1981 eingeschult und ich weiß noch, dass ich da zum ersten Mal das Wort Behinderung gehört habe. Ich wusste immer nur ich habe Glasknochen – also ich kann mir schnell die Knochen brechen und nicht laufen. Meine Eltern sagten mir, dass die von der Schulbehörde wollen, dass ich mit den anderen behinderten Kinder auf die gleiche Schule gehe. Und ich dachte, wieso soll ich denn mit behinderten Kindern auf eine Schule gehen? Das habe ich nicht verstanden.

Wbiue?: Und wurden Sie dann tatsächlich auf eine Regelschule geschickt?

Maskos: Ja, dank meinen Eltern. Sie wollten zum einen, dass ich mit meinen Freunden aus der Straße in die selbe Grundschule gehe und nicht jeden Morgen in die 40 Kilometer entfernte Stadt gefahren werden muss. Außerdem wollten sie die selben Bildungschancen für mich wie für meine Geschwister, und auf der Sonderschule waren damals die Chancen gering, einen höheren Schulabschluss zu machen. Und weil meine Eltern die Befürchtung hatten, dass ich da unterfordert bin, haben sie einen Antrag gestellt, ob ich auf die Regelschule gehen kann. Das war sehr schwierig.

Rebecca Maskos. Leidmedien.de

Foto: © Leidmedien.de

Rebecca Maskos (1975) ist Psychologin und freie Journalistin in Berlin. Sie ist im Rollstuhl unterwegs und lebt mit der Glasknochenkrankheit. In Bremen und Berlin hat sie Psychologie und in Chicago Disability Studies studiert. Nach einem Volontariat bei Radio Bremen arbeitete sie dort als Hörfunk- und TV-Redakteurin, nebenbei ist sie Redakteurin bei „Mondkalb – Zeitschrift für das Organisierte Gebrechen“. Sie ist außerdem Mitbegründerin von Leidmedien.de.

Wbiue?: Inwiefern?

Maskos: Meine Eltern mussten bei ganz vielen Behörden vorsprechen. Ich musste diverse Schuleignungstests machen, einen Intelligenztest, einen psychologischen Test und es gab mehrere ärztliche Gutachten. Es war einfach unglaublich aufwendig.

Wbiue?: Was hat es mit Ihnen gemacht, sich schon vor der Schule beweisen zu müssen?

Maskos: Diese Tests standen dafür: Du bist irgendwie anders und deswegen müssen wir dich jetzt ganz genau untersuchen. Für mich war das alles sehr fremd und irritierend, da ich mich ja als ganz normal verstanden hatte. Meine Eltern mussten bei Behörden vorsprechen und ich war bei einigen Gesprächen dabei. Da habe ich gemerkt, dass die Schulräte und Direktoren zwar irgendwie nett waren, aber ich war ein Problem.

Wbiue?: Und wie ging es dann weiter?

Maskos: Ich hatte insofern Glück, dass die Intelligenztests positiv ausfielen und das war natürlich gut für mich. Das hat mich gestärkt. Für meine Eltern war es wie ein Ausgleich: Ich habe zwar eine Körperbehinderung, bin aber schlau. Ich durfte also auf eine Regelschule gehen, allerdings die ganze Zeit nur auf Probe. Ich hätte theoretisch bis Klasse 13 jederzeit auf eine Sonderschule verwiesen werden können. Irgendwann hat darüber niemand mehr geredet, aber theoretisch wäre das möglich gewesen.

Wbiue?: Wie haben Ihre Lehrer reagiert, dass Sie auf eine Regelschule gingen?

Maskos: Es hing immer sehr von den Lehrern ab, wie mutig die waren, wie entspannt und welche Haltung sie gegenüber behinderten Menschen hatten. Einzelne Lehrer waren sehr ängstlich. Ganz oft musste meine Mutter auf Klassenfahrt mitfahren, weil sie befürchteten, dass etwas passiert. Über meine Behinderung hat aber nie einer mit mir geredet, also wie das eigentlich so für mich ist. Ich war immer die einzige mit Behinderung auf der Schule und musste selber gucken, dass ich da klar komme. In der Oberstufe hatte ich dann dankbar zu sein, auf ein tolles Gymnasium gehen zu können – das haben mir die Lehrer hin und wieder vermittelt.

Wbiue?: Und Ihre Mitschüler, wie sind die mit ihrer Glasknochen-Krankheit umgegangen?

Maskos: Eigentlich sehr selbstverständlich, es war für sie völlig normal. Ich hatte immer Freunde. Nach der 4. Klasse musste ich die Schule wechseln und in den nächsten zwei Jahren gab es Phasen, in denen kein Kind mit mir gesprochen hat und keines neben mir sitzen wollte – zum Beispiel, weil es sonst selbst von den tonangebenden Schülern gemobbt worden wäre. Das war eine Zeit, in der ich auch nicht mehr zur Schule gehen wollte.

Wbiue?: Sie gingen dann ab der 7. Klasse auf ein Gymnasium. Wurde es dort besser?

Maskos: Ja, auf jeden Fall. Ich kann mich aber erinnern, ich war mit meiner Klasse auf dem Gymnasium auch nicht so ganz glücklich. Richtig gut wurde es dann ab der 11. als sich dieses Klassensystem auflöste und wir in Kursstrukturen lernten. Da konnte ich mir viel mehr meine Leute suchen, das fand ich super.

Wbiue?: Würden Sie daher Schulstrukturen verändern wollen?

Maskos: Ich würde nicht uneingeschränkt für Klassenverbände plädieren, zumindest nicht aus meiner eigenen Erfahrung. Wenn die Klasse gut funktioniert dann mag das genau richtig sein, aber wenn es keine gute Klasse ist, dann hängt man in der fest.

Wbiue?: Denken Sie manchmal darüber nach, was passiert wäre, wenn Sie auf eine Sonderschule hätten gehen müssen?

Maskos: Ja, darüber habe ich schon oft nachgedacht. Die Chancen stehen gut, dass ich kein Abi gemacht hätte und jetzt einen kaufmännischen Bürojob machen würde. Wahrscheinlich hätte es weniger Mobbing gegeben und vielleicht wäre ich früher mit jemandem zusammen gewesen, auf der Regelschule ist das nicht passiert. Aber ich glaube, ich hätte ein viel eingeschränkteres Leben gehabt, was die Teilnahme an Gesellschaft anbelangt.

Wbiue?: Was meinen Sie damit genau?

Maskos: Ich weiß nicht, ob ich schon so früh in Clubs oder auf Partys gegangen wäre. Und das habe ich gemacht. Durch die Regelschule hatte ich eine ziemlich normale Jugend. Ich bin nicht abgesondert aufgewachsen, worüber ich sehr froh bin.

Wibiue?: Haben Sie Freunde, die einen anderen Weg gegangen sind als Sie?

Maskos: Einige Bekannte von mir sind nach der Sonderschule ab der 11. auf ein Internat gegangen, auf den man Abi machen konnte, wenn man eine Körperbehinderung hatte. Darüber habe ich viele positive Sachen gehört. Sie waren in einer Wohngruppe und sind auf ein Integrationsgymnasium gegangen. In dieser Wohngruppe haben sich alle gegenseitig bestärkt und solidarisch gezeigt.

Wbiue?: Das hätte Ihnen auch gefallen?

Maskos: Ich bin nach wie vor froh, auf einer Regelschule gewesen zu sein. Ich denke aber manchmal, dass es mir auf jeden Fall gut getan hätte, mehr Kontakt mit anderen behinderten Jugendlichen zu haben, um überhaupt eine Möglichkeit zu bekommen, ein positives Verhältnis zu meiner Behinderung aufzubauen. So kam ich mir manchmal eher wie der Alien vor und als Jugendliche war das doof. Erst mit 20 habe ich einen anderen Bezug zu meiner Behinderung bekommen. Gut wäre also, wenn inklusive Schulen einen Kontakt und Austausch unter den behinderten Jugendlichen ermöglichen, wenn die das wollen natürlich, nicht zwangsweise.

Wbiue?: Haben Sie derzeit die Hoffnung, dass sich mit Inklusion etwas verändert?

Maskos: Das kommt darauf an, wie Inklusion letztendlich umgesetzt wird. Meine Utopie von Inklusion in der Schule wäre, dass geguckt wird, wo die einzelnen Schüler Unterstützung brauchen, und dass da gar nicht nach Behinderten und Nicht-Behinderten sortiert wird. Es gibt Flüchtlingskinder, die traumatisierende Sachen erlebt haben, Kinder, deren Eltern sich getrennt haben und eben Kinder, wie ich es war, die im Rolli sitzen – alle brauchen Unterstützung und der Grund dafür ist nicht immer relevant.

Wbiue?: Also soll man einfach alle mit ihren Problemen betrachten?

Maskos: Ja. Eben nicht Behinderung als Besonderheit herausstellen. Es gibt Vielfalt und das ist etwas Gutes und kein Defizit. Es kommt darauf an, dass man eine vielfältige Gruppe begleitet und für eine gute Kommunikation sorgt. Das Problem ist, dass es momentan darauf hinausläuft, dass Inklusion als Vorwand für eine Sparmaßnahme wird und wenige Lehrer alles allein bewältigen müssen. Dann kann es zu Beginn von Inklusion eher in die Richtung gehen, die ich erlebt habe: Dass Kinder mit Behinderung in der Schule allein gelassen werden.

Das Interview führte Bettina Malter.

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