Wir brauchen keine Noten

Noten abschaffen

Foto: © Bettina Malter

Am Ende eines Schulhalbjahres sollen die Noten auf unseren Zeugnissen zeigen, welche Leistungen wir erreicht haben – so wird uns Schüler_innen zumindest weiß gemacht. Noten sind jedoch ungerecht, setzen uns massiv unter Druck und vernachlässigen die persönlichen Interessen. Ein Wandel der Schule muss her.

Warum bekommt mein Sitznachbar eine schlechtere Note als ich, wenn er doch mehr sagt und das, was er sagt, immer richtig ist? Warum bekommt meine Mitschülerin eine schlechtere Note, nur weil sie öfter krank ist? Warum hat ein Mitschüler eine Eins, obwohl er nur aus dem Buch abliest und keine eigenen Gedanken äußert? Warum gibt es in meinem Parallelkurs, den ein andere Lehrer unterrichtet, viel bessere Noten, als in meinem?

Benotung erlebe ich als ungerecht

Ich weiß auf diese Fragen, die ich mir stelle, keine Antworten. Bei jeder Notenvergabe gibt es eine Reihe von Unstimmigkeiten und häufig denke ich, dass meine Leistung falsch bewertet wird. Ich habe den Eindruck, dass wir Schüler_innen uns einig sind, wenn wir uns untereinander vergleichen, dass viele Noten ungerecht vergeben werden, dennauch von einem Kurs zum anderen sind die Benotungen sehr unterschiedlich.

Ich kenne Lehrer_innen, bei denen jede_r für die mündliche Mitarbeit die gleiche Note wie in den Klausuren bekommt. Andere Lehrer_innen geben jedem_r pauschal eine Drei und manchmal schwingt in der Benotung ganz klar persönliches Wohlwollen oder Missgunst mit.

Eine gute Freundin hat mir kürzlich erzählt, wie sie trotz stetiger Mitarbeit und einem gehaltenen Referat nur auf eine glatte Vier gekommen ist. Das mag vielleicht mit ihrer ehrlichen Art zusammenhängen, Kritik auszusprechen. Meine Note im Fach Sozialwissenschaften änderte sich innerhalb eines Schuljahres von einer Drei auf eine Eins bei gleicher Beteiligung. Der Grund war ein Wechsel der Lehrkraft.

Meiner Ansicht nach sind Noten für die mündliche Mitarbeit subjektiv, denn sie sind nichts weiter als die Bewertung eines Menschen aus der Sicht eines anderen Menschen. Klar ist, dass die einen Lehrer_innen gerechter benoten, als die anderen. Absolut gerecht können Noten aber gar nicht sein, denn sie richten sich immer auch nach subjektiven Eindrücken, denen sich auch die besten Lehrer_innen nicht entziehen können.

Die ständige Benotung setzt uns massiv unter Druck

Wenn Noten nicht gerecht sein können, welchen Sinn haben sie dann in unserem Schulsystem?

Noten, insbesondere wenn sie schlecht ausfallen, sollen Anreize darstellen, die uns Schüler_innen motivieren, sich zu verbessern und sich anzustrengen. So ist es zumindest gedacht.

In einigen Fächern mag das auch zutreffen, zum Beispiel wenn ich dadurch merke, wo ich nachgelassen habe, und erfahre, worauf ich mich konzentrieren sollte. Doch manche Schüler_innen bekommen – so sehr sie sich auch anstrengen – in bestimmten Fächern immer schlechte Noten.

Das könnte etwas damit zu tun haben, dass wir nur das wirklich gut lernen, was uns interessiert oder was uns wichtig erscheint, weil wir einen reellen Bezug dazu haben. Ich fand beispielsweise nie heraus, was mir die Physik lehren kann, obwohl ich mich für meine Noten sehr anstrengte. Der Realitätsbezug geht oft verloren, weil die Zeit fehlt, um sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Bei Themen, zu denen es für mich nicht möglich ist, einen Bezug aufzubauen, hat mir auch das Lernen nichts geholfen. Menschen interessieren sich für unterschiedliche Sachverhalte, doch die Benotung in Pflichtfächern straft diese Individualität ab.

Eine gute Freundin von mir kommt trotz Nachhilfe und Förderung nicht über eine 5 in Mathematik heraus, weil sie keinen Zugang findet und es sie nicht interessiert. Jede weitere schlechte Note wirkt auf sie nur demotivierend und zeigt ihr die Unmöglichkeit, dieses Fach zu begreifen.

Die ständige Benotung aller erbrachten Leistungen führt zu einem massiven Druck, der täglich auf uns Schüler_innen lastet und den auch ich erlebe. Insbesondere in der Abiturphase sind wir auf gute Noten angewiesen, wenn wir uns für zulassungsbeschränkte Studiengänge bewerben wollen. Jede schlechte Note gefährdet die angestrebte Durchschnittsnote im Abiturzeugnis, es muss also ständig gelernt werden, damit nichts schief läuft.

Noten reflektieren nicht die Persönlichkeit

Noten sollen im Idealfall Schüler_innen zeigen, was sie erreicht haben und wo noch Nachholbedarf besteht. In Wirklichkeit sind sie das Instrument, mit dem wir vergleichbar gemacht werden. Noten bewerten aber nur das, was  Schüler_inen in den jeweiligen Fächern für Leistungen erbracht haben, also nur, ob sie richtig auf themenbezogene Fragen antworten können, den “Output” in der Schule. So stehen Noten in erster Linie für die Notwendigkeit, Kriterien zu erfüllen, die durch abstrakte Lehrpläne vorgeschrieben sind.

Das Wichtigste in meinem Leben habe ich allerdings außerhalb der Schule erlernt, wie etwa Sozialkompetenz durch ehrenamtliche Arbeit oder das Zurechtfinden in außergewöhnlichen Situationen. Solche Beschäftigungen werden durch die Benotung abgestraft, denn wer sich neben der Schule engagiert, hat weniger Zeit zum Lernen und für die Schulaufgaben. Das kann zu schlechteren Schulnoten führen.

Die Persönlichkeit von Schüler_innen kann durch Schulnoten folglich nicht erfasst werden. Doch ist es nicht wichtiger, ob ich mich engagiere und wie ich mit Konflikt- oder Stresssituationen umgehe, als wie gut ich lernen kann? Gerade solche individuellen Stärken sind auch im späteren Leben von großer Bedeutung, aber in unserem Notensystem werden sie nicht erfasst.

Ein Wandel in der Schule muss her

Es heißt weiterhin, dass Noten “alternativlos” seien, denn Leistung müsse irgendwie eingeschätzt werden. Individuelle Bewertungsschreiben der Lehrer_innen seien doch das gleiche, nur etwas einfühlsamer geschrieben.

Solche geschriebenen Zeugnisse sind meines Erachtens keine wirkliche Alternative zur Notengebung, denn auch sie beinhalten subjektive Wertungen der Lehrer_innen und sind darauf ausgelegt, Leistungen in ausgewählten Themenfeldern zu vergleichen.

Deswegen muss uns Schüler_innen zunächst eine ganz neue Möglichkeit eröffnet werden: Wir wollen uns in der Schule für Sachverhalte begeistern, wir wollen uns interessieren. Nachdem wir über ein Grundwissen verfügen, muss uns die Wahl gelassen werden, ob wir komplexe Mathematik erlernen wollen oder nicht, ob es unser Ziel ist, fließend Englisch zu sprechen oder nicht und ob wir Goethe oder Darwin oder beide verstehen wollen.

Die jetzigen Möglichkeiten der Schwerpunktwahl sind unzureichend. Während in den Leistungskursen, sofern diese angeboten werden, zu wenig Zeit ist, um sich intensiv mit Sachverhalten auseinanderzusetzen, wird in den Grundkursen zu viel gefordert. So sitze ich länger an meinen Mathematikhausaufgaben, als an den Aufgaben für meine beiden Leistungskurse. Außerdem sind nur ganz bestimmte Fächerkonstellationen zugelassen, sodass wir Schüler_innen Zeit investieren müssen, um Sachverhalte zu lernen, die wir nie wieder brauchen. Nur der Noten wegen.

Es ist nämlich nicht alles wichtig für uns Schüler_innen, was in der Schule benotet wird. Doch wenn die Schule uns die freie Wahl ließe, was wir lernen möchten, würden wir motiviert mitarbeiten, weil wir uns für den Stoff interessieren und nicht nur aufgrund des Leistungsdrucks  mitmachen.

Das Erlernte könnte dann am Ende eines Kursabschnittes in Tests abgefragt werden, sodass die Schüler_innen eine Rückmeldung haben, ob ihnen der gewählte Themenbereich wirklich liegt.

Auf einem Zeugnis werden dann nicht die Leistungen in vorgegebenen Fächern stehen, sondern es könnte aufgeführt werden, was wir Schüler_innen erreicht haben und was wir können. Außerdem müsste auf einem solchen Zeugnis auftauchen, was die Persönlichkeit von Schüler_innen auszeichnet, wie etwa soziales Engagement. Dafür wäre es notwendig, dass Schulen in Zusammenarbeit mit sozialen Vereinen Arbeitsgemeinschaften und Netzwerke schaffen, wo wir Schüler_innen uns soziale Fähigkeiten aneignen können. Diese prägen uns nämlich weitaus mehr, als monoton gelernte Inhalte.

Noten gehören also abgeschafft, denn sie sind ungerecht, verursachen Leistungsdruck und reflektieren dabei nicht die Persönlichkeit eines jungen Menschen. Um aber eine echte Alternative zur jetzigen Notengebung zu schaffen, muss sich die Bedeutung der Schule grundlegend wandeln. Schule darf nicht länger ein Ort des Vergleichens und Aussortierens von Schüler_innen sein, sondern muss Bildungsmöglichkeiten anbieten.

 

 

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