Orchideenfächer brauchen Wechsler

Orchideenfächer Theodor Fall

Foto: © Bettina Malter

Durch die Bolognareform sind die sogenannten Orchideenfächer mit einem Problem konfrontiert, was vorher keines war: Studierende der „Kleinen Fächer“ können innerhalb Deutschlands nur schwer die Universität wechseln, obwohl es essentiell für ihre Ausbildung ist. Ein Gastbeitrag von Theodor Fall.

An deutschen Universitäten gibt es eine Vielzahl sogenannter „Kleiner Fächer“, von Albanologie über Gießereitechnik und Meereskunde bis hin zu Vorderasiatischer Archäologie. Inzwischen werden sie sogar bundesweit kartiert, um die Gefahr ihres Aussterbens zu mindern. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie lediglich an einem Bruchteil der Universitäten überhaupt anzutreffen sind. Und wo sie als „Orchideenfächer“ ein Refugium gefunden haben, sind ihre Institute nur sehr klein. Dies hat zur Folge, dass jede Universität nur wenige Spezialbereiche des Fachs abdecken kann. Studenten allerdings brauchen gerade zu Beginn ihres Studiums notwendig den Überblick – in der Wissenschaft gibt es keine Tiefe ohne Kenntnis der Breite. Für den Überblick der Disziplin in ihrer gesamten Breite darf ein Student also nicht an bloß einem Standort bleiben. Er muss verschiedene Universitäten besuchen, um ein annähernd vollständiges Bild des Fachs zu erhalten.

In Zeiten von Magister und Diplom war diese Art von Mobilität, mindestens innerhalb Deutschlands, problemlos möglich, ja sogar selbstverständlich. Lehrveranstaltungen mussten noch nicht auf die studentische Arbeitsstunde genau mit Creditpunkten versehen werden, ein Abschluss in Summe nicht einen exakten Punktewert ergeben. Entsprechend einfach war die Anerkennung von erbrachten Studienleistungen. Der Seminarschein, ausgestellt vom Kollegen Meier am bisherigen Studienort, galt auch an der neuen Universität beim Kollegen Müller als Seminarschein und umgekehrt – man kannte sich schließlich. Nach mehreren Jahren des Wanderns entschied sich der Student für einen Themenschwerpunkt und schrieb seine Abschlussarbeit an derjenigen Universität, an der er einen Professor mit entsprechendem Forschungsstandbein gefunden hatte.

Theodor Fall Porträt

Foto: © Theodor Fall

Theodor Fall (1989) studiert Philosophie an der LMU München und ist Mitglied des Senats und des Hochschulrats. Als Referent für Studium der Studierendenvertretung gestaltet er seit mehreren Jahren Studienstrukturen unter den verschärften und einengenden Rahmenbedingungen des Bologna-Prozesses.

Wie ist die Situation heute? Im Jahr 2010 prämierten die Stiftung Mercator und die VolkswagenStiftung in einem Wettbewerb mit dem ambitionierten Titel „Bologna – Zukunft der Lehre“ verschiedene innovative Lehrkonzepte. Der Wettbewerb verfolgte den Anspruch, „beispielgebende inhaltliche Neugestaltung von Bachelor-Studiengängen“ anzustoßen sowie Studienmodelle mit „Pilotcharakter“ zu fördern.

Ausgezeichnet wurde unter anderen das Projekt „PONS – Brücke“ unter Federführung eines Göttinger Professors für Klassische Archäologie. Ziel des Vorhabens ist es, für dieses Kleine Fach „ein Netzwerk für den Studienortwechsel innerhalb Deutschlands zu schaffen“. Von Auslandsmobilität ist erst gar nicht die Rede. Der Antragsteller gibt unumwunden zu: „Damit soll ein Element wiederbelebt werden, das über lange Zeit die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Geisteswissenschaften befördert hat.“ Doch jeder Reanimation muss ein mindestens Beinahe-Tod vorausgegangen sein. Wir werden fündig: „Durch die neuen BA- und MA-Studiengänge ist ein Wechsel der Universität beinahe unmöglich geworden“.

Die Brücke führt zu Mehraufwand

Der Verdacht drängt sich auf: Hier wird mühsam eine Notlösung gezimmert, wo es früher kein Problem gab. Die „Brücke“ soll Abgründe überspannen, welche die Bologna-Reform überhaupt erst aufgerissen hat. Bringen Studierende den Mut zum Ortswechsel auf, werden ihnen Studienleistungen oft nicht angerechnet, weil einzelne Module oder ganze Studiengänge inkompatibel sind. An der neuen Universität kommt es zu deutlicher Mehrarbeit, oder es wird die Regelstudienzeit überschritten, meist beides. An einige Studienorte lässt sich gar nicht mehr sinnvoll wechseln. Das Brückennetz macht unwegsames Terrain zwar wieder zugänglich. Es bleibt aber eine lückenhafte Konstruktion: In der Klassischen Archäologie sind längst nicht alle deutschen Standorte an PONS beteiligt.

Für die betroffenen Institute bringt der Brückenbau nämlich erheblichen Organisationsaufwand mit sich. Umfangreiche Konzepte müssen abgefasst und in rechtssichere Form gegossen werden. Für die Umsetzung sind wiederum zusätzliche Finanzmittel nötig, die in Form zeitlich befristeter Drittmittel erst eingeworben werden müssen.

Handelt es sich hier um ein Problem der Klassischen Archäologie allein? Keineswegs. Für andere Fächer gelten dieselben Rahmenbedingungen, institutioneller wie rechtlicher Art – für Kleine Fächer in verschärfter Form, schließlich sind ihre Studierenden angewiesen auf den Wechsel zwischen verschiedenen Studienorten. Die Klassische Archäologie ist beispielhaft – in der Notlösung wie im Problem.

Die Bologna-Reformen haben den Studierenden vieler Disziplinen fachlich sinnvolles Studieren erschwert. Die Behelfskonstruktion der „Brücke“ lindert manche Symptome, kostet die Mitarbeiter_innen der Institute aber viel Zeit und Kraft – und die Universitäten zusätzliches Geld. Um einer Lösung näher zu kommen, müssen wir mit dem Irrglauben aufräumen, dass minutiöse Rechtsvorschriften Studenten den Universitätswechsel erleichtern. Das Gegenteil ist der Fall.