Sitzenbleiben schadet

Schuhe: Sitzenbleiben schadet

Foto: © Bettina Malter

Noch immer erfreut sich das Sitzenbleiben in Deutschland öffentlicher Unterstützung, obwohl seit Jahrzehnten erhebliche Zweifel an seiner Wirksamkeit bestehen. Nun will die rot-grüne Koalition in Niedersachsen diese pädagogische Maßnahme abschaffen, was Hoffnung macht, dass die Sachargumente endlich in den Vordergrund treten.

Der Weg zum Schulabschluss ist für viele Schüler_innen in Deutschland ein regelrechter Hürdenlauf. Eine dieser Hürden ist das Sitzenbleiben, in Schulgesetzen sperrig als „Nichtversetzung“ bezeichnet, im Volksmund zynisch „Ehrenrunde“ genannt. Nun wird das Sitzenbleiben in Deutschland mit Sicherheit niemandem zur Ehre gereichen, sondern es gleicht einem staatlich verordnetem Hemmschuh mit Stigmatisierungseffekt. Man könnte auch sagen: Sitzenbleiben ist in etwa so hilfreich, wie einem ins Straucheln geratenen Läufer vor versammelter Mannschaft ein Bein zu stellen.

Die Diskussion um das Sitzenbleiben – die Wiederholung eines Schuljahres bei ungenügenden Zeugnisnoten – ist nicht neu. „Nichts als verplemperte Zeit?“ fragte Spiegel Online 2005. Die schwarz-grüne Koalition in Hamburg vereinbarte 2008 in ihrer Koalitionsvereinbarung das Ende dieser Maßnahme im Stadtstaat. Ein Jahr später stellte der Bildungsforscher Klaus Klemm in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fest, dass „von den gut 9 Millionen Schülerinnen und Schülern allgemein bildender Schulen im Schuljahr 2007/08 […] etwa eine Viertelmillion eine Klasse wiederholen“ musste. Knapp eine Milliarde Euro würde dies pro Jahr kosten. Und im druckfrischen Koalitionsvertrag der rot-grünen Regierung in Niedersachsen heißt es: „Die rot-grüne Koalition wird Sitzenbleiben […] durch individuelle Förderung überflüssig machen“. Mehr und mehr Bundesländer verabschieden sich von dem umstrittenen Instrument oder schränken seine Anwendung ein. Da ist es kein Zufall, dass der neue Chef der Kultusministerkonferenz, Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), die jüngste niedersächsische Initiative unverhohlen begrüßte.

Nun fällt auf, dass alle jüngeren Vorhaben die schulische Ehrenrunde abzuschaffen von Sozialdemokraten oder Grünen ausgingen, während dies bei Union und FDP auf Ablehnung stieß; verbunden mit teils harscher Kritik. So hieß es aus der FDP, dass Rot-Grün mit dem Sitzenbleiben Anreize für Anstrengung abschaffen würde. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sprach gar von blankem Unsinn und pädagogischem Populismus. Und der dem konservativen Lager zuzurechnende Chef des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, warnte vor einer „Abitur-Vollkasko-Garantie“ und meinte: „Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist.“

Der Verlauf der Debatte entlang des üblichen bildungspolitischen Grabens zwischen dem progressiv-linken und dem konservativ-neoliberalen Lager sowie die teilweise Schärfe der Debatte lassen schnell den Eindruck entstehen, dass es sich vor allem um eine ideologische Auseinandersetzung handelt. Umso wichtiger ist es, die Sachargumente immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Doch wie ist es um diese bestellt?

Sitzenbleiben als Warnschuss

In einer FORSA-Umfrage für den Stern hatten sich im Jahr 2002 knapp 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung für das Sitzenbleiben ausgesprochen, 2006 waren es immerhin noch zwei Drittel. Verschiedene Online-Abstimmungen und viele spontane Kommentare zu einschlägigen Online-Artikeln sprechen die gleiche Sprache. Angesichts dessen, der ermittelten Kosten und der hohen Zahl an betroffenen Schüler_innen sollte es für diese pädagogische Maßnahme gute Gründe geben. Auf der Suche nach solchen Gründen helfen vor allem die Medien: Da ist von „Warnschuss“, „Druckmittel“ oder gar „Schocktherapie“ die Rede. Kaum zu glauben, dass es bei derartigem Vokabular um Kinder und Jugendliche gehen soll.

Die Idee dahinter ist einfach: In einer Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip an erster Stelle steht, muss sich Leistung lohnen. Gute Schüler_innen erhalten gute Noten und dürfen in die nächste Klassenstufe einziehen. Wer in der Schule hingegen wenig leistet, wird – unabhängig von den zugrundeliegenden Ursachen – mit schlechten Noten und im schlimmsten Fall mit Nichtversetzung bestraft bzw. zuvor möglichst beeindruckend bedroht. Doch sind Strafandrohung bzw. die Umsetzung derartiger Strafen tatsächlich geeignete pädagogische Instrumente? Die Ergebnisse der Motivationsforschung sagen hier ganz klar: Nein.

Nachvollziehbar scheint da schon eher der mit dem Sitzenbleiben verbundene Anspruch zu sein, dass Schüler_innen mehr Zeit bekämen, Versäumtes nachzuholen – etwa bei längerer Krankheit oder kritischen Lebensereignissen, beispielsweise einer Trennung der Eltern. Und auch beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes oder bei Auslandsaufenthalten kann es sinnvoll sein, auf eine Versetzung zu verzichten, wenn die Bildungssysteme allzu unterschiedlich sind. Doch da sind auch noch jene Argumente, die wohl lieber nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden. So sei das Sitzenbleiben darauf ausgerichtet, „möglichst leistungshomogene Lerngruppen herzustellen“, erklärt das Forscherteam um Julia Krohne und Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld.

Hintergrund ist, dass in Deutschland traditionell davon ausgegangen wird, dass in homogenen Lerngruppen, also Schulklassen, in denen die Schüler_innen sich nicht allzu sehr in ihren Leistungen unterscheiden, besser gelernt werden kann. Muss jemand eine Jahrgangsstufe wiederholen, so fände er sich, so die Vorstellung, unter Klassenmitgliedern wieder, die in etwa gleiche Leistungen zeigen. Dies könne eine gute Möglichkeit sein, Überforderung zu reduzieren und wieder Anschluss an den bislang verpassten Lernstoff zu finden. Ein weiteres Argument könnte sein, dass nichtversetzten Schüler_innen so eine weitere Stigmatisierung in der Ursprungsklasse aufgrund schlechter Noten erspart wird und sie so entspannter lernen können. Und tatsächlich wurde vereinzelt nachgewiesen, dass es bei einer Nichtversetzung im Wiederholungsjahr zu vorübergehenden Leistungsverbesserungen kommen kann.

Unwirksame Maßnahme

Warnschuss, die Bildung leistungshomogener Lerngruppen und die Möglichkeit, Versäumtes nachzuholen – wie sehr eignen sich diese mit dem Sitzenbleiben verbundenen Mechanismen nun aber tatsächlich und dauerhaft, Schüler_innen den Anschluss an den Lernstoff zu ermöglichen? Die bereits erwähnte Bertelsmann-Studie bringt es kurz und schmerzhaft auf den Punkt: „Klassenwiederholungen führen weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schülerinnen und Schüler von diesem Instrument. Dies belegen alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien. Klassenwiederholungen sind daher als unwirksame Maßnahme in den deutschen Schulsystemen anzusehen.“ Das ist mehr als deutlich und lässt keinerlei Spielraum für Interpretationen.

Worauf beruht dieses Ergebnis der Bertelsmann-Studie? Seit den 70er Jahren wurde anhand einer Vielzahl von Studien im deutschsprachigen sowie im angloamerikanischen Raum nachgewiesen, dass Sitzenbleiben nicht nur nicht positiv wirkt, sondern den Leistungsrückstand der betroffenen Schüler_innen zu den übrigen Mitgliedern ihrer Altersgruppe sogar weiter vergrößert. Die bereits erwähnten und von den Verfechtern des Sitzenbleibens gerne angeführten Leistungsverbesserungen im Wiederholungsjahr verpuffen im Nichts, da die Leistungen bereits im Folgejahr angesichts der gestiegenen Anforderungen wieder absinken. Hinzu kommen negative Auswirkungen auf das Verhalten, das Selbstkonzept sowie die Einstellung gegenüber dem Schulbesuch. Damit wird ein fataler Teufelskreis in Gang gesetzt, denn Schüler_innen, die durch abweichendes Verhalten sowie eine negative Einstellung zu den eigenen Fähigkeiten und zur Schule auffallen, erzielen in der Regel nur noch schlechtere Leistungen. Dies erklärt, warum beim direkten Vergleich leistungsschwache versetzte Schulkinder besser abschneiden, als ebenso leistungsschwache, aber nichtversetze Gleichaltrige.

Hinzu kommt, dass die regulär versetzten Schüler_innen nicht einmal von der Aussortierung der Leistungsschwachen profitierten, der Wunsch nach einem erfolgreicheren Lernen in leistungshomogenen Klassen also nicht in Erfüllung geht. Da wundert es nicht, dass sich die Nichtversetzung auf einer 2009 von John Hattie veröffentlichten Liste von Einflussfaktoren auf die Leistungen von Schüler_innen auf Platz 148 von 150 mit einem negativen Effekt und in guter Gesellschaft von Fernsehen und Umzügen wiederfindet. Nicht zuletzt ist Sitzenbleiben besonders nachteilig für Kinder mit Migrationshintergrund sowie solche aus sozial benachteiligten Familien, denn diese starten oft unter schwierigeren Voraussetzungen ihre Schulkarriere und werden durch unser selektives Bildungssystem schlechter gefördert und häufiger aussortiert.

Nun könnte noch argumentiert werden, dass eine Verbindung der Strafmaßnahme bzw. Strafandrohung Klassenwiederholung verbunden mit gezielter individueller Förderung im Wiederholungsjahr zu gewünschten Ergebnissen führen müsste. Doch auch hier weit gefehlt: Die Forschung zeigt, dass in der regulären Schullaufbahn verbleibende Kinder bei individueller Förderung bessere Ergebnisse erzielen, als aussortierte individuell geförderte Kinder. Vermutlich ist der Motivationsverlust durch das Sitzenbleiben derart hoch, dass selbst eine individuelle Förderung den angerichteten Schaden nur schwer reparieren kann. Und dass das über den Schüler_innen schwebende Damoklesschwert des Sitzenbleibens durch seine Drohkulisse noch mehr Schulversagen zu verhindern mag, ist ebenso in Frage zu stellen: Der Erfolg der Bildungssysteme anderer Staaten, die ohne das Sitzenbleiben auskommen, spricht nämlich eine andere Sprache. So stellt die Forschungsgruppe um Julia Krohne und Klaus-Jürgen Tillmann mit Bezug auf die PISA-Studie von 2003 heraus, dass Deutschland zwar unangefochtener Spitzenreiter beim Sitzenbleiben sei, viele erfolgreichere Länder diese Maßnahme aber eher selten oder überhaupt nicht praktizierten.

Bessere Förderung statt Lebenszeitverschwendung

Blanker Unsinn, pädagogischer Populismus und naive Utopie? Angesichts der erdrückenden Beweislast erscheinen solche Kommentare politisch wie pädagogisch unverantwortlich und man mag sich nur noch dem Urteil der Bertelsmann-Studie anschließen: „Eine Viertelmillion jährlich sitzenbleibender Schülerinnen und Schüler bedeutet insgesamt einen beträchtlichen Verlust an Lebenszeit.“ Die Maßnahme habe lediglich „eine demotivierende Wirkung, verbunden mit Schulunlust und Selbstzweifeln“.

Schon seit den 80er Jahren ist klar, dass Sitzenbleiben schädlich ist, dass Schüler_innen nicht nur sitzen-, sondern regelrecht hängenbleiben und nicht mehr vorwärts kommen. Das Bildungswesen in Deutschland liegt somit allein in diesem Punkt über drei Jahrzehnte hinter dem wissenschaftlichen Stand und gibt Jahr für Jahr Geld für eine Maßnahme aus, die Schulversagen nicht verhindert, sondern schlimmstenfalls sogar fördert. Es bleibt zu hoffen, dass sich der in den Bundesländern abzeichnende Trend, die Nichtversetzung abzuschaffen, fortsetzt und Schritt für Schritt angemessene Methoden gegen Schulversagen eingeführt werden. Doch überstürzt werden darf nichts: Ein sofortiges Abschaffen des Sitzenbleibens ist nicht unbedingt die beste Lösung, wenn geeignete Alternativen noch nicht ausreichend etabliert sind. Deshalb scheint ein geordneter Übergang, wie ihn sich die rot-grüne niedersächsische Koalition zur Aufgabe gemacht hat, der wohl vielversprechendste Weg zu sein.

Bleibt nur noch die Frage, wohin dieser Weg führen soll, also mit welchen Maßnahmen Schüler_innen anstelle des Sitzenbleibens unterstützt werden sollten. Nicht, dass die Bildungsforschung hierauf nicht schon Antworten gefunden hätte. So finden sich auf der bereits erwähnten Liste von John Hattie eine Vielzahl nachweislich wirkungsvollerer Mechanismen: beispielsweise die Verbesserung der Schüler-Lehrer-Beziehung, individuelles Feedback zu Leistungsfortschritten, mehr Klarheit bei den Anleitungen der Lehrkräfte, kooperatives Lernen oder eine bessere Zusammenarbeit mit den Eltern. Auch die Forschungsgruppe um Julia Krohne und Klaus-Jürgen Tillmann fordert Alternativen, durch die Schüler_innen individuell besser gefördert werden können. Dies setze allerdings voraus, dass die „individuellen Förderbedürfnisse von Lehrkräften als Teil ihrer pädagogischen Alltagsarbeit angesehen und angenommen werden“. Sie schlagen unter anderem individuelle Förderpläne für sogenannte „Risikoschüler“, Sprachkurse im Grundschulbereich sowie Programme für Schulaussteiger in der Sekundarstufe I vor. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Zeichen, die darauf hindeuten, dass Schüler_innen im Laufe ihrer Schullaufbahn aus ebendieser Bahn geraten, frühzeitig erkannt werden. Die Lehramtsausbildung sollte darauf gezielt vorbereiten.

Reinhard Kahl schrieb 2002 in einem Diskussionsbeitrag in der Welt über das wahrhaft Deutsche an der Bildungspolitik: „Irritation ist eine wichtige Voraussetzung für Lernprozesse. Die Dummheit der Wissenden hingegen erkennt man an ihrer Irritationsresistenz.“ Eine solche ideologisch begründete Irritationsresistenz sei hiermit all jenen unterstellt, welche die Forderung nach der Abschaffung des Sitzenbleibens als Kuschelpädagogik abzuwerten versuchen, denn das Aus für die Ehrenrunde hat mitnichten etwas mit Kuschelpädagogik zu tun, im Gegenteil. Schüler_innen ohne Sitzenbleiben für die weitere Schullaufbahn fit zu machen, ist der anspruchsvollere Weg, der aber im Gegensatz zum Sitzenbleiben weder stigmatisiert noch Chancen verbaut. Er stellt kein Bein, sondern räumt hinderliche Hürden aus dem Weg, damit Schüler_innen seltener straucheln.

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