„Der Fall Schavan ist nicht vollständig untersucht“

Schavan, Rücktritt

Foto: © Wbiue?

Martin Heidingsfelder ist einer der Plagiatssucher, der die Doktorarbeit von der gerade zurückgetretenen Bundesbildungsministerin Annette Schavan durchleuchtet hat. Im Interview spricht er über Schavans Dissertation und andere Aufsätze, in denen sie plagiiert haben soll.

Wbiue?: Herr Heidingsfelder, schon im Mai 2012 haben Sie öffentlich den Rücktritt von Bundesbildungsministerin Annette Schavan gefordert. Fühlen Sie sich nach dem gestrigen Tag als Sieger?

Heidingsfelder: Ich habe mich gefreut. Wenn man Journalisten neun Monate lang erläutert, weshalb ein Rücktritt Schavans notwendig ist, fühlt man sich jetzt ein klein wenig als Sieger. Allerdings gilt der große Verdienst einem anonymen Aktivisten mit dem Pseudonym Robert Schmidt, der auf schavanplag/wordpress.com Plagiate veröffentlichte. Er hat im Alleingang den Fall Schavan öffentlich gemacht. Es wurde am Anfang von der Presse zwar vermutet, dass ich dahinter stehen könnte, dem musste ich allerdings entgegnen.

Wbiue?: Einige der Plagiate in Schavans Doktorarbeit haben Sie aufgedeckt. Wieso haben Sie gerade diese Arbeit überprüft?

Der 34-Jährige Martin Heidingsfelder ist Plagiatssucher und führt das gleichnamige Unternehmen Martin Heidingsfelder. Unter seiner Mitarbeit wurden Fälle publik, bei denen prominente Politiker oder Unternehmer in ihren Dissertationen wissenschaftlich mangelhaft gearbeitet haben. Derzeit startet er das Projekt PolitPlag, bei dem Politiker ihre Dissertationen freiwillig nach Plagiaten untersuchen können. Laut eigener Aussage gründete Heidingsfelder das Wiki VroniPlag. Er ist in der Szene der Plagiatssucher umstritten, da er mit der Plagiatssuche seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Martin Heidingsfelder, Schavan, Rücktritt

Foto: © Martin Heidingsfelder

Heidingsfelder: Ich bin durch Robert Schmidt auf den Fall aufmerksam geworden und habe mir ebenfalls die Dissertation besorgt und ein paar zusätzliche Quellen bestellt. Direkt nachdem ich die ersten Bücher von Annette Schavan in den Händen hielt, habe ich einen Aufsatz von ihr in einem Sammelband gefunden, der nahezu identisch mit einem Teil aus ihrer Doktorarbeit ist. Hier ist unklar, was zuerst erschien: das Buch oder die Dissertation. Es ist aber in jedem Fall ein Eigenplagiat und damit ein wissenschaftlich unredliches Verhalten, nicht auf die Originalquelle hinzuweisen.

Wbiue?: Nicht korrekt arbeiten ist das eine. Allerdings kann man bei einem Eigenplagiat doch nicht behaupten, dass bei der Dissertation taktisch bewusst getäuscht worden ist.

Heidingsfelder: Grundsätzlich war es 1980 nicht zulässig, Teile einer Dissertation schon früher zu veröffentlichen. Es zeigt also den laxen Umgang von Annette Schavan mit der wissenschaftlichen Redlichkeit. Sie hätte je nachdem welches Werk als zweites erschienen ist, auf das Vorhergehende hinweisen müssen. Dies alles ist unerheblich für die Aberkennung des Doktortitels, denn die Funde in der Dissertation sind eindeutige Fremdplagiate. Auch in dem schon erwähnten Sammelband Person und Verantwortung sind Fremdplagiate enthalten. Weitere finden sich in den Büchern, Schule der Zukunft aus dem Jahr 1998 und Welche Schule wollen wir? aus dem Jahr 2002. Dies zeigt, dass sie auch damals als Kultusministerin noch Plagiate produzierte. So etwas ist für eine Kultus- aber auch eine Bundesbildungsministerin untragbar.

Wbiue?: Und das hat Sie veranlasst weiter zu suchen?

Heidingsfelder: Für mich war klar, dass der Fall Schavan weiter behandelt wird. Auf den letzten Fund im Buch aus dem Jahr 2002 bin ich erst in diesem Jahr gestoßen – kurz vor dem Tag, an dem der Fakultätsrat, ihr den Doktortitel entzog. Zuvor hatte ich mir für die anstehenden Pressetermine noch mal ein paar Bücher von Frau Schavan bestellt. Da sind mir bekannte Quellen im Literaturverzeichnis aufgefallen. Im Sammelband aus dem Jahr 1980 wurde ich dann wieder fündig. Der Fall Schavan ist, mit Ausnahme der Dissertation, noch lange nicht vollständig untersucht. Es geht nicht nur um gravierende wissenschaftliche Mängel bei der Erlangung der Doktorwürde, sondern auch um andere folgende Publikationen. Hierzu sollte sie auch noch Stellung beziehen.

Wbiue?: Bezogen auf den Entzug des Doktortitels haben die Anwälte von Annette Schavan davon gesprochen, dass „die Entscheidung in einem fehlerhaften Verfahren zustande gekommen und sie auch materiell rechtswidrig“ ist. Für Sie folglich keine plausible Erklärung?

Heidingsfelder: Dass Frau Schavan sich jetzt auf Verfahrensfehler stützt, zeigt doch, dass sie für sich sonst keine Chance mehr sieht. Und Juristen denken sich einiges aus, um Verfahrensfehler beizubringen. Der Doktortitel wird weg sein, solange Plagiate vorhanden sind. Sollten Verfahrensfehler vorhanden sein und der Doktortitel deshalb nicht aberkannt werden, wäre das dramatisch. Dann würde jemand mit einem Titel herumlaufen, den er nicht verdient hat.

Wbiue?: Sie haben selbst keine Doktorarbeit geschrieben. Ist es den Betroffenen gegenüber nicht anmaßend, so zu urteilen?

Heidingsfelder: Wieso sollte es? Diese Fälle dienen als Warnschilder und werden dafür sorgen, dass es weniger Nachahmer geben wird. Außerdem dürfte dann ja nur noch der Doktor über einen Doktortitel, und der Professor über einen Professorentitel entscheiden. Das wäre Unsinn. Da sollte man sich an die Märchen von Hans-Christian Andersen erinnern: „Darf ein Kind dem Kaiser sagen, dass er nackt ist? Ja, es darf.“ So einfach ist das.

Wbiue?: Für Sie steht im Vordergrund: Wenn Personen des öffentlichen Lebens ihre Doktortitel verlieren, hat das positive Auswirkungen auf künftige wissenschaftliche Arbeiten?

Heidingsfelder: In der Wissenschaft wird es immer eine gewisse kriminelle Energie geben, um sich die Arbeit zu erleichtern. Dass liegt zum einen daran, dass die Leute es nicht besser können, die Zeit nicht haben oder neben ihrer Doktorarbeit auch andere Interessen verfolgen. Aber künftig werden Professoren genauer hinschauen, was da abgegeben wird und auch mehr mit ihren Kollegen kommunizieren. Die Absolventen selbst werden bei ihren Masterarbeiten, Dissertation, Habilitationen o.ä. sorgfältiger arbeiten. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass solche Fälle der Qualität in der Wissenschaft insgesamt dienen und der Gerechtigkeit.

Wbiue?: Der Gerechtigkeit?

Heidingsfelder: Ja. Es muss für jeden eine Aufstiegsmöglichkeit geben, unabhängig von seiner sozialen Herkunft. Dabei muss jemand, dessen Eltern keine Doktortitel haben, die gleichen Startbedingungen erhalten, wie jemand, dessen Eltern Akademiker oder Arbeiter sind. Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland eine ziemliche Elitenbildung vorherrscht und Doktoren schon dafür sorgen, dass ihr Nachwuchs an die gleichen Positionen kommt. Dabei ist es nicht in Ordnung, wenn Personen nicht durch ihre eigene Leistung Titel erhalten. Durch die aufgedeckten Fälle wird künftig bei der Auswahl von Doktorandenstellen mehr darauf geachtet werden, welche Qualität deren vorhergehenden Arbeiten aufweisen. Dann wird auch mehr darüber nachgedacht, ob es der- oder diejenige wirklich durch Leistung die Assistentenstelle verdient hat.

Wbiue?: Als Plagiatssucher gestalten Sie durch ihre Arbeit also die Zukunft mit?

Heidingsfelder: Wir tragen sicherlich dazu bei, dass die Universitäten neue Wege finden werden, um Plagiate unwahrscheinlicher werden zu lassen. Das Thema zu Guttenberg beispielsweise war insofern wichtig für die Wissenschaft, als dass das Thema Plagiate nun endlich an Bedeutung gewonnen hat. Zuvor rumorte es nur unter der Hand. Durch die aktuelle Debatte wird gerade eine Generation für dieses Thema sensibilisiert – auch „Nicht-Universitätsabsolventen“.

Wbiue?: Sie sagen, dass sich jetzt weniger Hochschulabsolventen trauen zu promovieren. Wie nehmen Sie die Ängste war?

Heidingsfelder: Durch Gespräche mit Studierenden und Doktoranden höre ich immer wieder, dass diese Angst haben, Fehler zu machen: Hat der Text Unklarheiten oder stimmt der Anhang? Letztendlich ist es aber ein Versäumnis der Universitäten, bei den Studierenden das nötige Selbstvertrauen zu schaffen und die Informationen, wie man richtig zitiert an den Mann bzw. an die Frau zu bringen.

Wbiue?: Wenden sich Promovierende präventiv an Sie?

Heidingsfelder: Ja, das kommt vor. Ein promovierter Germanist und Anglist aus unserem Team bietet Lektoratsleistungen an. Diese enthalten je nach Auftrag die Überprüfung der Zitierweise und die Überprüfung wissenschaftlicher Arbeiten auf Plagiate. Dies geschieht aber alles nur im Rahmen der Prüfungsordnungen. Wir konnten so zumindest zwei Absolventen vor großen Fehlern bewahren. Bei mir rufen aber auch Professoren an und bitten um Rat, wenn sie sich bei einem konkreten Sachverhalt unsicher sind.

Wbiue?: Ist an der Misere also die unzureichende Vermittlung von notwendiger Fachkenntnis Schuld?

Heidingsfelder: Es ist zumindest ein Teil. Wie man wissenschaftlich arbeitet, ist derzeitig ein Pflichtschein an nahezu allen Universitäten. Darüber hinaus gibt es viele Bedingungen, die dazu führen, dass man gut wissenschaftlich arbeitet, wie z. B. Studienarbeiten oder die Bachelor- und Masterarbeit vor der Promotion. Jedoch muss die wissenschaftliche Zitierweise definitiv mehr geübt werden und darf nicht ausschließlich ein „Sitzschein“ sein. Ich glaube auch, dass man die Suche nach Plagiaten durchaus an Universitäten vermitteln kann. Studierende neigen dazu beim Betrachten ihrer eigenen Arbeiten eher auf das Inhaltliche, als das Formale zu achten und bemerken gravierende Mängel nicht. Der geübte Blick nach Plagiaten könnte hierbei helfen und müsste zusätzlich durch Lehrende und Dozenten geschult werden.

Wbiue?: Wie sehen also Ihre Forderungen an die Politik aus?

Heidingsfelder: Zu Guttenberg hat bei seinem letzten Auftritt im Bundestag gesagt, dass er nicht der Einzige gewesen sei, der den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages für das Schreiben der Doktorarbeit privat genutzt habe. Daher sollte der Bundestag überprüfen, ob nicht noch mehr Abgeordnete oder deren Referenten für ihre Dissertationen unrechtmäßig den Wissenschaftlichen Dienst genutzt haben, um sich privat einen Vorteil zu verschaffen. Außerdem könnte man auf Universitäts- oder Länderebene überlegen, ob man nicht Organisationen einrichtet, die stichprobenartig Doktorarbeiten auf Plagiate hin untersucht. Hier gäbe es für mein Empfinden ganz klar föderale Aufgaben, die zu bewerkstelligen sind. In diesem Fall halte ich zunächst wenig von einer zentralen Lösung auf Bundesebene.

Das Interview führte Rafaela Kiene.

 

  • RSS
  • Email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • LinkedIn
  • Delicious
  • StumbleUpon