Inklusion ist unsere Chance

Fahrrad, Inklusion

Foto: © Bettina Malter

Inklusion ist das neue Unterrichtskonzept, das der Lehramtsstudent Patrick Boehm an der Universität als die Lösung für mehr Chancengleichheit serviert bekommt. Er sieht die Vorteile, kommentiert jedoch, dass es noch viel zu tun gibt, bevor Inklusion funktioniert.

Gleich im ersten Semester wurde ich als Lehramtsstudent mit dem Wort Inklusion konfrontiert. Ein neues Unterrichtskonzept, für das sich die Vereinten Nationen (UN) einsetzen: Dabei geht es darum, dass auch behinderte Menschen ein Recht auf Bildung ohne Diskriminierung, aber mit Chancengleichheit besitzen. Behinderte Menschen sollen also nicht mehr auf Förderschulen abgeschoben werden, sondern die Chance haben, gleichberechtigt mit nicht-behinderten Schüler_innen in einer Klasse zu sein.

Oft höre ich von meinen Verwandten die Frage: „Das soll funktionieren? Behinderte werden an Förderschulen doch viel besser gefördert.“ Doch die Förderschule versagt in vielerlei Hinsicht.

Gut gemeint, ist nicht gut gemacht

Hans Wocken, ein angesehener Erziehungswissenschaftler, hat Förderschulen in seinen Studien erforscht und geht mit ihnen hart ins Gericht, denn sie erschweren die Entwicklung der Kinder unnötig. Fast 80 Prozent der Förderschüler_innen schaffen keinen Hauptschulabschluss, 0,2 Prozent kommen bis zum Abitur. Was zeigt: gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.Förderschulen stellen Schutzräume für Behinderte dar. Solche stören die Kinder jedoch in ihrer Entwicklung. In ihrem späteren Arbeitsleben sollen sie ja auch nicht ausschließlich mit „behinderten Kollegen“ zusammenarbeiten. Eine Schule muss sie auf diese Realität vorbereiten. Sie müssen lernen sich in der Realität zu behaupten und das funktioniert nicht in einer Förderschule. Außerdem müssen auch die nicht-behinderten Schüler_innen lernen, mit dem Bedürfnissen und Problemen von Behinderten umzugehen.

Auch die Anreise zu  Förderschulen ist nicht einfach. Teilweise sind sie bis zu 70 Kilometer vom Wohnort der Schüler_innen entfernt, vor allem auf dem Land. Mal ganz ehrlich: wer von uns wäre gerne morgens 70 Kilometer zur Schule gefahren? Wohl niemand! Das muss eine riesige Belastung für die Schüler sein. Wenn sie in der Schule ankommen, sind sie völlig erschöpft. Dann noch gute Leistungen zu erbringen ist wohl nur schwer möglich.

Eine inklusive Schule kann da Abhilfe schaffen. Wenn jede Schule inklusiv ist, liegen sie in der unmittelbaren Umgebung jedes Schülers und jeder Schülerin. Die Fahrerei ist damit überflüssig.

Wenn ich morgens in der Straßenbahn zur Uni sitze, fahren oft auch behinderte Schüler_innen mit, die von anderen unwürdig beleidigt werden, denn sie gelten als die „Verlierer“ der Gesellschaft. Da kann Inklusion gegensteuern. Sie ist die beste Möglichkeit, um Vorurteile abzubauen, soziale Beziehungen zu fördern und die Selbstverantwortung der Schüler_innen zu stärken. Sie wirkt sich positiv auf die Lebensgestaltung der Schüler_innen aus, denn alle lernen gemeinsam.

Außerdem stärkt der inklusive Unterricht die sozialen Kompetenzen aller Schüler_innen. Damit wird auch das Klassenklima gefördert. Erinnern wir uns doch einmal an unsere eigene Schulzeit zurück und sind ganz ehrlich: am besten gelernt haben wir doch, wenn auch das Klassenklima gut war. Es ist also deutlich: Inklusive Klassen sind lern- und leistungseffektiver als Klassen an Förderschulen

Inklusion braucht mehr

Aber Inklusion kann nicht wie herkömmlicher Unterricht aussehen. Damit das neue Konzept  funktioniert, müssen die „normalen“ Lehrer_innen unterstützt werden, und zwar von Sonderpädagog_innen, die die gesamte Klasse mitbetreuen. Sie müssen helfen, für alle Schüler_innen individualisierte Lehrpläne zu gestalten. Das bedeutet für die Lehrer sicherlich mehr Arbeit, um einzelne Schüler_innen zu betreuen und die Stunden vorzubereiten.Die eigenen Fähigkeiten der Schüler_innen müssen aber endlich mitberücksichtigt werden, denn das bringt den Unterricht viel weiter als herkömmlicher. Der Vorteil ist, dass jeder seine eigenen Erfahrungen verstärkt in den Unterricht einfließen lassen und andere Schüler_innen somit gut unterstützen kann. Jeder lernt von den berücksichtigten Erfahrungen und Interessen der anderen– auch die Lehrkraft.

Die Lehrer_innen müssen für solch einen Unterricht gute Kenntnisse über Behinderungen und bezüglich der Didaktik und Methodik erwerben, sonst kann inklusiver Unterricht nicht funktionieren.

Gerade stelle ich es mir persönlich schwer vor, eine inklusive Klasse allein zu unterrichten. In der Ausbildung an der Universität wird zwar ständig gesagt: „Sie müssen später alle inklusiv unterrichten“, wie das gehen soll, wird aber nicht gelehrt.Es werden Methoden wie Teamteaching angesprochen – bei denen mehrere Lehrer_innen eine inklusive Klasse leiten – allerdings wird darauf nicht weiter praktisch eingegangen.

Doch nicht nur die Anforderungen an die Lehrer_innen steigen, sondern auch an die Schüler_innen. Als Jugendliche im inklusiven Unterricht muss man offen und hilfsbereit sein, um eine Gemeinschaft zu werden, die nur gemeinsam funktioniert. Sie müssen auch methodischfit sein, um inklusiven Unterricht mitzugestalten. Wichtig ist: In den Lernprozessen müssen sich die Schüler_innen aufeinander verlassen können. Eine meiner Professorinnen drückte es so aus: „Die Schülerinnen und Schüler müssen Verantwortung für den eigenen und den Lernprozess der Anderen übernehmen.“ Damit bringt sie es auf den Punkt.

Das sind alles hohe Ziele, aber sie sind zu schaffen, wenn wir endlich den ersten Schritt tun und die Forderung der UN richtig übersetzen. Deutschland übersetzt im Moment das Wort Inklusion in der UN-Konvention als Integration. Das bedeutet aber, dass einzelne behinderte Schüler_innen aus den Klassen herausgenommen und separat von Sonderpädagogen betreut werden. So entsteht kein gemeinsames Lernen. Es wird eher zu einer Förderschule in der Regelschule. Dieses Konzept widerspricht der geforderten Inklusion völlig!

Deutschland hinkt mit dem Modell der Inklusion also zurück. Sowohl in der Ausbildung als auch in ihrer Umsetzung. Die Bildungsrepublik muss in Sachen „Inklusion“ nachsitzen, um die UN-Konvention endlich richtig umzusetzen. Inklusion ist unsere Chance die Diskriminierungen in der Schule und im Alltag abzubauen. Wir können mit ihr auf Dauer eine Gesellschaft erreichen, in der Hilfsbereitschaft und ein gemeinsames Miteinander wieder etwas wert sind. Das Wohl unserer Schüler_innen muss uns am Herzen liegen, denn sie sind unsere Zukunft, ob behindert oder nicht!