Das Bachelorstudium als Unterschichtenbildung?

Bachelor, Stefan Kühl, Tisch

Foto: © Bettina Malter

An Universitäten ist mit der Einführung der Bachelorstudiengänge ein „heimlicher Lehrplan“ entstanden. Neben dem Studieren steht das Überleben in der bürokratische Hochschule im Fokus. Davon profitieren vor allem Akademikerkinder. Ein Gastbeitrag des Soziologen Stefan Kühl.

An den Universitäten und Fachhochschulen lässt ‒ abgesehen von einzelnen Rektoren und Präsidenten ‒ kaum jemand ein gutes Haar an der Bologna-Reform. Unterstützung für die Reform kommt, wenn überhaupt, noch von außerhalb der Hochschulen – von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, von unternehmensnahen Stiftungen und von einzelnen Journalisten. Von Letzteren wird jetzt ein neues Argument in die Bologna-Diskussion eingebracht: Bei der Bologna-Reform möge vieles im Argen liegen, aber sie berge das „Potenzial, die Hochschulen gerechter zu machen“, wie Bernd Kramer in der taz schreibt.

Die alten Magister- und Diplomstudiengänge seien einfach nichts für den „Sohn der Verkäuferin und die Tochter des Bäckers“ gewesen, weil diese aus bildungsfernen Schichten stammenden Studierenden in den „dahinwabernden Selbstlernprogrammen“ der alten Unis untergegangen seien. Durch ein klar strukturiertes Bachelor- und Masterstudium würden die Universitäten jetzt endlich Kinder aus den Schichten der Gesellschaft anlocken, die bisher vor einem Studium zurückgeschreckt seien. Je stärker die Verschulung des Studiums ‒ so der Tenor ‒ desto mehr bekommen wir die Kinder aus den Unterschichten in die Hochschulen.

Stefan Kühl

© Stefan Kühl

Stefan Kühl ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Er hat mit seinem Buch „Der Sudoku-Effekt. Hochschulen im Teufelskreis der Bürokratie“ (transcript 2012) eine kontroverse Debatte über die Bologna-Reform ausgelöst. Im Januar 2013 schrieb er einen kritischen Beitrag über die Beschaffung von Drittmitteln an Universitäten in der Süddeutschen Zeitung.

Der heimliche Lehrplan

Die Verfechter der Bologna-Reform haben dabei an einem Punkt sicherlich recht. In vielen Diplom- und Magisterstudiengängen wurden Qualifikationen verlangt, die in den Hochschulen selbst nicht systematisch vermittelt wurden. Studierende lernten nicht nur Germanistik, Physik oder Soziologie, sondern sie mussten sich vom ersten Semester an auch ihr Studienprogramm selbst zusammenstellen, sich in einer häufig anonym wirkenden Massenuniversität Lernkontakte aufbauen und sich selbst motivieren, schriftliche Arbeiten anzufertigen, auch wenn kein Lehrender einen Prüfungsdruck aufgebaut hat.

Mit dem US-amerikanischen Erziehungswissenschaftler Philip W. Jackson lässt sich die Aneignung dieser Fertigkeiten als der „heimliche Lehrplan“ in den alten Studienstrukturen beschreiben. Viele Studierende – sowohl aus bildungsfernen als auch bildungsnahen Schichten ‒ sind an den Anforderungen dieses heimlichen Lehrplans gescheitert. Diejenigen Studierenden jedoch, die unter diesen Bedingungen ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, konnten am Ende nicht nur Germanistik, Physik oder Soziologie, sondern verfügten nicht selten auch über Selbstorganisations- und Selbstmotivationsfähigkeiten, von denen sie später im Berufsleben profitierten.

Im Zuge der Bologna-Reform wurde mit der Reduzierung der Wahlfreiheiten, der Verschärfung der Anwesenheitspflicht und der Inflation  von Prüfungen dieser „heimliche Lehrplan“ abgeschafft. In den meisten Bachelorstudiengängen beschweren sich Studierende nicht mehr über ein Zuviel an Wahlfreiheit, sondern beklagen sich bestenfalls noch darüber, dass sie wie Lerndrohnen auf Knopfdruck kurzfristig angeeignetes Prüfungswissen wiedergeben müssen. Die Verschulung à la Bologna hat dabei eher zu einer Verschlechterung der Betreuung geführt, weil in den meisten Studiengängen die gleiche Anzahl von Lehrenden mehr Veranstaltungen anbietet und mehr Prüfungen abnimmt. Es gibt Studiengänge, in denen Lehrende zwar zu Beginn jeder Sitzung die körperliche Präsenz der Studierenden mit Anwesenheitslisten überprüfen, den Großteil ihrer Studierenden aber trotzdem nicht mit Namen ansprechen können, wenn sie ihnen in der Mensa begegnen.

Trotz einer Erhöhung der „Kontaktzeiten“ mit Lehrenden haben Studierende am Ende eines drei- oder vierjährigen Studiums häufig mit keinem einzigen Dozenten und keiner einzigen Dozentin ein Gespräch über ihre individuellen Stärken und Schwächen geführt, geschweige denn mit ihnen ein zum Studiengang passendes individuelles Lernkonzept erarbeitet. Trotz Erhöhung des Prüfungsaufwandes für Studierende gibt es in vielen Universitäten immer weniger individuelle Rückmeldungen zu den von den Studierenden geschriebenen Essays, Hausarbeiten und Klausuren, weil die Lehrenden mit der Korrektur der in Massenveranstaltungen abgelegten Prüfungen kaum noch hinterherkommen.

Neuer Fokus: Überleben in der bürokratisierten Hochschule 

Angesichts dieser Studienbedingungen bildet sich in der deutschen Variante der Bologna-Reform ein neuer „heimlicher Lehrplan“ aus. Studierende und Lehrende werden seit der Bologna-Reform mit einer kafkaesk wirkende Bildungsbürokratie konfrontiert. Von Bachelorstudierenden wird – so jedenfalls die Planungsphantasie – verlangt, dass sie genau 5400 Stunden für ihren Abschluss studieren müssen. Diese 5400 Stunden werden durch eine permanent wachsende Anzahl von Studienadministratoren in Module mit vermeintlich klar definierten Lernzielen aufgeteilt und jedes Modul inklusive Selbststudiumsanteil stundengenau vorausgeplant. Die bürokratisch korrekte Absolvierung des Studiums wird dann durch IT gestützte Campus Management Systeme überprüft und am Ende dann durch den Rechner ein Zertifikat ausgespuckt.

Studierende lernen jetzt – so der neue „heimliche Lehrplan“ –  wie sie in hochbürokratisierten Organisationen unter Überlastungsbedingungen zu arbeiten haben. Wo bekommt man nach Vergleich der verschiedenenfächerspezifischen Bestimmungen eines Studiengangs möglichst günstig Leistungspunkte her? Wie stark muss man sich an die häufig über hunderte von Seiten langen Modulhandbücher eines Studiengangs halten? Wo lohnt es sich, mit dem Verweis auf eine Klage vor Gericht bei Dozenten eine zweite oder dritte Prüfungsmöglichkeit einzufordern? Die Amerikaner nennen die Fähigkeiten, die sich in der Auseinandersetzung mit solchen Fragen entwickeln, „How to Work the System“ – Wie kann man bei möglichst geringem Aufwand möglichst viel aus einem System herausholen.

Das mögen Fähigkeiten sein, die bei späteren Tätigkeiten in Großbürokratien wie der Deutschen Bank, der Deutschen Bahn oder der Bundesagentur für Arbeit besonders gefragt sind. Die Aneignung dieser Fähigkeiten dürfte aber wohl gerade Studierenden aus jenen Bildungsschichten leichtfallen, die weniger Angst vor dem Kontakt mit bürokratischen Großorganisationen haben. Und das ist sicherlich eher der Juristensohn als die Bäckerstochter.

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