Frontalunterricht allein macht nicht klug

Frontalunterricht

Foto: © Bettina Malter

„Am besten ist noch immer moderner Frontalunterricht“, schreibt eine FAZ-Autorin und glänzt dabei mit Ahnungslosigkeit. Sie stützt sich auf eine Studie aus den USA, deren Namen sie dem Leser jedoch verschweigt.

Die FAZ-Autorin Inge Kloepfer plädiert für den Frontalunterricht und schrei(b)t gegen die moderne Pädagogik: „Kinder lernen immer noch am besten, wenn man sie in guter alter Manier frontal unterrichtet“, schreibt die Autorin und beruft sich dabei auf eine Studie aus den USA, deren Namen sie nicht nennt. Kloepfer versteckt sich hinter dem Wort „Bildungsökonomen“ und lässt damit dem Leser keine Chance, ihre Aussagen zu prüfen. Sie bettet Zitate von Experten so ein, dass inhaltlich gleiche Aussagen einander gegensätzlich scheinen. Soviel zur Form. Auch der Inhalt ist Quatsch und bezeugt die Ahnungslosigkeit der Autorin.

Schon der Teaser birgt den ersten Fehler: „Problemorientierter oder offener Unterricht – die ganze moderne Pädagogik stiftet wenig Nutzen. Am besten ist noch immer moderner Frontalunterricht“, heißt es da. Damit stellt Kloepfer dem Frontalunterricht Problemorientierten und Offenen Unterricht gegenüber. Beides kann man aber nicht miteinander vergleichen. Der Begriff Frontalunterricht beschreibt, wie die Lehrkraft und die Lernenden miteinander agieren: in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit oder eben mit der Lehrkraft in der Front. Offener oder Problemorientierter Unterricht hingegen sind sogenannte Makromethoden, die eine mehrstündige Unterrichtseinheit andauern und in denen auch Frontalunterricht zum Einsatz kommen kann. Das hat die Autorin offenbar nicht verstanden.

Das zweite inhaltliche Manko des Artikels ist besonders gravierend: Kloepfer spricht über den Einsatz von Methoden und schweigt zu Ziel und Inhalt. Eine Methode darf nicht eingesetzt werden, nur um der Methode willen. Am Anfang der Planung, was im Unterricht passieren soll, steht immer das Ziel. Dazu passend wird der Inhalt bestimmt, und die Methode muss Ziel und Inhalt unterstützen. Außerdem müssen sich Lehrkraft und Klasse mit der Methode auch wohl fühlen!

Als Ergebnis der Studie wird „der gute Lehrer als Welterklärer“ gefordert. So sollen also mündige Bürger erzogen werden? Nein! Unterricht, überhaupt die ganze Institution Schule, muss die Heranreifenden befähigen, sich in der Welt zurechtzufinden und sie mitzugestalten. Dafür hilft es nicht, schwer auszusprechende Begriffe auswendig zu lernen; sondern beim Auseinandersetzen mit dem Lerninhalt muss der Mensch erkennen, wie er selbst am besten lernt. Nicht, wie man oder die meisten am besten lernen, sondern er selbst. Dann kann er später die Details eines Faches selbst erobern.

Diese Kompetenz wird aber nicht vermittelt, indem nur frontal unterrichtet wird, sondern durch die Methodenvielfalt: In ein Thema muss durch die Lehrkraft gut eingeführt werden (gern auch frontal), dann muss es von den Schüler_innen in allen Facetten, eben je nach Leistungsfähigkeit der Lernenden, betrachtet, aufgeschnitten, erobert, erprobt und erforscht werden, damit dann alle Erkenntnisse verglichen und für alle greifbar in einen Zusammenhang gebracht werden können. Das kann – vielleicht auch muss – frontal passieren, genauso wie die folgende Übungsphase. Wichtig ist die stetige Abwechslung.

Ein dritter Mangel dieses Artikels ist die ungenügende Erklärung. „Frontalunterricht produziert gute Resultate“, zitiert die Autorin einen Experten. Es wird aber nicht erklärt, was für ihn ein „gutes Resultat“ ist. Dass die Klasse leise bleibt? Dass ein Schüler durch den Test gekommen ist, weil er gut auswendig lernen oder sogar raten konnte?Das mag der Experte gar nicht gemeint haben, aber im Artikel wird nichts genau benannt. Es heißt dort nur, dass Testergebnisse besser seien. Aber besser als was? Und wie sind sie zustande gekommen? Wie sahen diese Tests aus? War es reines Reproduzieren oder mussten Zusammenhänge beschrieben werden?

Frontalunterricht hat auch Vorzüge – da hat Kloepfer recht. Es gibt fantastischen Frontalunterricht – bei guten Lehrern: Sie führen in ein Thema ein, indem sie Begeisterung versprühen; sie spicken Fakten mit Anekdoten und fesseln durch ihr Charisma die Zuhörenden, die es gar nicht erwarten können, sich selbst auf das Thema zu stürzen.  Solch ein Lehrervortrag ist sinnvoll. Der Frontalunterricht ist aber oft ein stundenlanges Frage-Antwort-Ping-Pong und schafft nur Maschinen statt selbständig denkende, neugierige Kinder.

Kloepfer sieht bei den neuen Unterrichtsmethoden die Gefahr des wilden Ausprobierens. Sie schreibt: „Kinder müssen zu häufig Versuchskaninchen für neue Unterrichtsformen spielen.“ Diese Kritik ist berechtigt, ihre Schlussfolgerung aber falsch. Sie sollte Offenen Unterricht nicht verfluchen, sondern fordern, dass während der Lehrerausbildung nach den besten Methoden gesucht wird.  Im Studium und im Refendariat muss Zeit und Raum geschaffen werden, um zu entdecken, wann sich welche Methode für die Lehrkraft anbietet. Das zügelt das ziellose Experimentieren im Unterricht.

Beim Ausprobieren von Unterrichtsmethoden muss man immer auch bedenken, dass es eine gewisse Zeit braucht, sich an neue Methoden zu gewöhnen. Bislang sind Kinder es gewohnt, dass der Lehrer die Aufgaben und Fragen stellt und der Schüler nur antwortet. Entscheidend für guten Unterricht ist immer eine klare Strukturierung, die sich nicht erschöpft in „Ich sage dir, wie du es machen musst.“. Strukturierung bedeutet aber nicht Frontalunterricht.