Gewerkschaften wollen blühende Hochschullandschaften

Hochschullandschaft, DGB, Gewerkschaft

Foto: © Eva Schönfeld

Zum ersten Mal seit seiner Gründung hat der DGB ein gemeinsames hochschulpolitisches Programm erstellt. Es wurde am Dienstag auf einer Tagung in Berlin vorgestellt und diskutiert. Die Forderungen sind für ein politisches Programm erstaunlich konkret und im Plenum wenig umstritten. Es bleibt zu hoffen, dass das Programm die Debatte um ein für alle offenes und lebenswertes Hochschulsystem neu belebt.  

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat am 11.12.2012 sein erstes hochschulpolitisches Programm auf einer Tagung in Berlin vorgestellt und diskutiert. „Gute Bildung vererbt sich“, rief Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Vorsitzende, den Anwesenden zu. Dass das nicht so bleiben soll, ist eine zentrale Forderung des DGB-Programms: Es fordert eine Öffnung des Hochschulzuganges für beruflich qualifizierte und andere Zielgruppen. Doch ein durchlässigeres Bildungssystem kostet Geld – mit der Finanzierung sind die Bundesländer schlicht überfordert. Das Grundübel Kooperationsverbot muss also fallen, so der Tenor aller Anwesenden.

Neben einer Öffnung des Hochschulzuganges möchte der DGB die Demokratiefrage an Hochschulen neu stellen. Während Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der HU Berlin, darauf pochte, dass die Gruppe der Hochschullehrer_innen durch ihre wissenschaftliche Qualifikation die höchste Kompetenz in Fragen des Hochschulmanagements hätte und deshalb auch in allen wichtigen Gremien die Mehrheit haben müsse, zeigten sich alle anderen Podiumsteilnehmer_innen offen gegenüber der Einführung einer Viertelparität. Machtasymmetrien müssten zugunsten einer fairen und deliberativen Mitbestimmung aller Hochschulmitglieder über die Geschicke der Hochschule abgebaut werden, forderte Dorothea Hutterer, die studentische Vertreterin auf dem Podium.

Auch dass die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen miserabel sind, darin war man sich einig. Deren Duldung seitens der Arbeitnehmer_innen sei nur mit einer „verzögerten Heilserwartung“ (der Aussicht auf eine Professur) zu erklären, merkte eine Teilnehmerin an. Hochschulen können bei diesen Arbeitsbedingungen nicht zu den Institutionen werden, welche bei der „Bewältigung aktueller und künftiger gesellschaftlicher Herausforderungen“ (Programm, S. 20) helfen sollen, wie von ihnen verlangt wird. Dass sich hier etwas ändern muss, geben selbst Hochschulleitungen öffentlich zu – und schieben die Verantwortung sogleich auf die Politik ab, welche zu wenig Geld gebe. Ganz unrecht haben sie damit nicht: Immer wieder kommt man im Hochschulwesen zu dem Schluss, dass die Unterfinanzierung seit den 1970er Jahren (die sog. „Untertunnelung des Studentenberges“, der dann aber doch blieb) der eigentliche Grund für viele Probleme ist. Man hat sich jedoch so an diese Unterfinanzierung gewöhnt, dass man diese inzwischen als Normalzustand akzeptiert und jedes zusätzliche Programm als Möglichkeit begrüßt, Mittel „on-top“ zu erhalten – obwohl doch eigentlich nur Defizite ausgeglichen werden.

Gesine Schwan, Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, die als Kommentatorin zum Programm geladen war, warf die Frage auf, was eigentlich der Zweck von Hochschulen sei: Ausbildung zu einem Beruf oder zweckfreie Wissenschaft. Das Programm des DGB beantwortet diese Frage in Richtung eines Studiums als „wissenschaftliche Berufsausbildung“. Dass dies für Gewerkschaften im Vordergrund steht, überrascht nicht. Gleichwohl muss gefragt werden, ob jeder Studienabschluss wirklich „berufsbefähigend“ (Programm, S. 14) sein kann. Werden nicht auch Kompetenzen erworben, die über mögliche Berufe hinaus weisen, zum Beispiel die kritische Reflexionsfähigkeit oder die Herausbildung der Persönlichkeit? Was ist mit Studiengängen ohne eigentlichen Berufsbezug? Das Programm schwächt sogleich wieder ab: Natürlich darf mehr gelehrt werden, als unmittelbar beruflich relevant ist. Allerdings müssen Hochschulen die Berufsqualifizierung im Blick behalten. So bleibt die Frage „Wozu Hochschulbildung?“ weiterhin ungeklärt – aber vielleicht kann deren Beantwortung im Rahmen eines politischen Programmes der Gewerkschaften nicht geleistet werden.

Das Programm des DGB enthält viele gute Forderungen, aber wenig Neues. Es kündet von einer lebenswerten, für alle offenen Hochschullandschaft und stellt mehr, als es in der gegenwärtigen Debatte um Hochschulen der Fall ist, die Menschen in den Vordergrund. Es steht als Programm von acht Einzelgewerkschaften und der Hans-Böckler-Stiftung als politische Handlungsanweisung im Raum und es bleibt zu hoffen, dass es nicht in Schubladen verschwindet, sondern die hochschulpolitische Debatte (neu) belebt.

Das ganze Programm findet ihr hier.

 

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