Depressiv durch die Droge Leistung

Zug der symbolisch für Depression steht

Foto: © Lorenz Rings/pixelio.de

Die Zahl der von Depression betroffenen Studierenden steigt zunehmend: Ein junger Student wird während des Bachelorstudiums depressiv. Der heute 26-Jährige hat seine Erlebnisse für das Buch „Was bildet ihr uns ein?“ aufgeschrieben. Ein Auszug.

Vor fast drei Jahren hatte ich ein Burn-out. Mein scheinbar unerschöpflicher Tank voll Energie, Motivation und Interesse versiegte. Mein innerer Motor gab ruckartig seinen Geist auf, und das war für mich völlig unbegreiflich. Denn ich war Anfang 20, ein junger Mann und voller Zuversicht, allen Herausforderungen im Leben gewachsen zu sein.

Ich konnte es lange nicht begreifen, hatte ich doch zuvor so viel Kraft. Ich war leistungsorientiert, gesellig und lebensbejahend. Zugegeben: Oft glich mein Leben einer gezielten Selbstüberforderung – doch ich fand daran nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Arbeit und Herausforderungen waren für mich wichtige Elemente meines Lebens. Gleich zu Beginn meines Studiums fühlte ich mich unterfordert. Und so folgte eine ehrenamtliche Tätigkeit der anderen, ob in studentischen Organisationen, in der Hochschulpolitik, in Sozialprojekten, bei interkulturellen Jugendbegegnungen im Ausland.

Jedem, der sich über mein enormes Arbeitsaufkommen wunderte, erklärte ich aus tiefer Überzeugung, dass mir mein ehrenamtliches Engagement eine Ehrensache ist. Ich war davon überzeugt, dass meine Tätigkeiten einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Es stand aber auch fest: Mein Engagement war für meine persönliche Entwicklung unumgänglich. Die eigenen Grenzen auszureizen und dadurch auszuweiten, war ein zentrales Ziel. Sicher lässt sich mein überdurchschnittliches Engagement und mein Leistungswille auch durch mein breites thematisches Interesse und eine tendenziell altruistische Grundhaltung erklären. Doch mein Ehrenamt war eben auch ein Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung. […]

Im Rausch des Besserwerdens

Meine eigenen Ziele, die ich mir dafür setzte, waren nur zu Beginn relevant. Irgendwann stand es im Vordergrund, mich mit anderen zu vergleichen. Und da sich immer eine Person finden ließ, gegenüber der ich meine Defizite sah, setzte ich mir ständig neue Zielmarken, denen ich so lange hinterher lief, bis eben das nächste Ziel in Sicht war. Dieser Maßstab hatte mich so durchdrungen, dass ich nicht mehr im Stande war, von ihm abzulassen oder ihn zu hinterfragen.

Diese Methode war auch deshalb fatal, weil ich mir stets Maximalziele setzte – also Ziele, die in den meisten Fällen kaum realistisch waren. Aber mein Credo war: Wenn ich mir größere, fast unerreichbare Ziele setze, erreiche ich effektiv mehr als bei realistisch gesetzten Zielen. Ich war überzeugt, mit meinen Misserfolgen umgehen zu können. Diese würden sich ja zwangsweise einstellen, eben weil ich mir unerreichbare Ziele setzte. Sowohl meinem Verstand als auch meinem Selbstbewusstsein traute ich zu, an dieser selbstgeschaffenen Konstellation eben nicht zu scheitern, sondern, ganz im Gegenteil, davon zu profitieren. Später musste ich schmerzlich erfahren, dass ich mich geirrt hatte.

Am Scheideweg

Da ich also meinen Maximalerwartungen nie gerecht werden konnte, nahm ich meine Erfolge – die ja sehr wohl da waren – Schritt für Schritt nicht mehr als solche wahr. Im Gegenteil: Ich sah gar keine Fortschritte und darum keinen Grund, mich zu erholen, mich zu belohnen oder schlicht nichts zu tun. Denn für mich war nie ein Punkt erreicht, an dem ich gefühlt genug getan hatte. Es galt, immer mehr zu erledigen, immer besser zu werden. Als ich dann die Grenzen meiner Fähigkeiten und Kapazitäten erreichte, bemerkte ich dies anfangs nicht. Nein, ich ignorierte es sogar und reagierte im Umkehrschluss mit noch verbissenerem Ehrgeiz.

So wurden von mir zunehmend jegliche Tätigkeiten, ob für das Studium oder im Privaten, unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Effizienz- und Produktivitätssteigerung beurteilt. Es war ein Teufelskreis, der sich um das Dogma der ständigen und unbedingten Leistungserbringung wand. Alle unproduktiven Tätigkeiten, die meinem scheinbar so hehren Ziel im Wege standen, tat ich als Zeitverschwendung ab und verbannte sie völlig aus meinem Leben.

So habe ich schon während der Oberstufe im Gymnasium den Fernsehapparat in meinem Zimmer ausgemustert, weil ich ihn als Zeitdieb enttarnt hatte. Nur sporadisch sah ich dann bei meinen Eltern fern. Irgendwann schaute ich nur noch Dokumentationen u. ä. – eben bloß keine abstumpfende Trivialkultur. Dies habe ich über einige Jahre aufrecht erhalten und es im Lauf meines Studiums so weit getrieben, dass ich jegliche Form von Unterhaltung unterbunden hatte, ob lesen, Musik hören, mit Freunden ins Kino gehen. Ich wollte nur sinnvolle, produktive Tätigkeiten machen. So bestand meine Literatur nur noch aus Zeitungen und Fachliteratur. Belletristik kam mir nicht auf den Tisch.

Ich hörte nur nochInformationssendungen im Radio – kaum noch Musik. Wochenenden wurden mit Seminaren gefüllt, Urlaube bestanden über lange Zeit nur noch aus Bildungs- und Kulturreisen – Hauptsache Programm. Meine Zeit erschien mir schlicht zu kostbar, um sie für Entspannung und Unterhaltung zu verschwenden.

[…] Und aus der anfangs erwähnten abgeschafften Flimmerkiste, die für mich den Inbegriff von Unproduktivität und Zeitverschwendung darstellte, wurde eine absolute Fernseh-Askese; gar ein striktes Fernsehverbot. Dies ging so weit, dass ich mich bei gemeinsamen Fernsehabenden mit Freunden, zu denen ich mich anfangs noch überreden ließ, so unwohl und sogar körperlich schlecht fühlte, dass ich diese stets frühzeitig abbrechen musste. Teilweise reagierte ich sogar mit starken Migräneanfällen. Ich hatte also mein selbst gesetztes Verbot so verinnerlicht, dass mein Körper auf die Einhaltung bestand und strafend darauf reagierte, wenn ich mich dem widersetzte. Der Wunsch mich persönlich weiterzuentwickeln, hatte sich in einen inneren Zwang zur absoluten Selbstoptimierung mit integriertem Sanktionsmechanismus verwandelt.

In die Sackgasse manövriert

Gerade in Phasen, in denen ich zu erschöpft war zu arbeiten, zwang mich ein tief verinnerlichtes Gefühl, nicht untätig zu sein. Denn unterbewusst hatte ich abgespeichert, dass Leistung und harte Arbeit durch und durch richtig sind, dass ich sie brauche, nicht nur zur persönlichen Entwicklung, sondern auch zur Identifikation. Es war, als wäre ich ohne Arbeit nicht vollständig. Erst wenn ich arbeitete, ergab mein Dasein einen Sinn. So wurde ich unfähig, mit gutem Gewissen Nichts oder Unproduktives zu tun, was für mich bald den gleichen Stellenwert hatte.

[…] Die Situation kippte in der meines Erachtens nach besten Phase des Studiums: während des Erasmus-Aufenthaltes. Ich erhaschte einen der begehrtesten Plätze an einer Top-Universität in England, war in Hochstimmung, als ich sogar ein Stipendium bekam, um den Aufenthalt zu finanzieren. Passgenau nach Ende meines Grundstudiums konnte ich aufbrechen. Und seien wir ehrlich, so wie die meisten Erasmus-Studenten wollte ich nicht die Nase in den Büchern versenken, sondern das bunte Erasmus-Leben genießen, mir endlich die überfällige Pause nehmen und den ganzen Stress zurücklassen.

Auch wenn diese Einsicht voraussichtlich nur oberflächlich die Probleme verdeckt hätte, die Möglichkeit zur Entspannung kam dennoch zu spät und auf die besten Wochen meiner ganzen Studienzeit, folgten die schlimmsten Monate überhaupt.

Das Semester in England begann mit spannenden Vorlesungen, aber ohne mich. Denn gleich zu Vorlesungsbeginn wurde ich von einer Erkältung erfasst, die nicht mehr enden wollte. Und das tat sie auch nicht, als nach einiger Zeit Abgaben anstanden. Ich schleppte mich in die Bibliothek, wo ich viele Stunden zubrachte – aber es ging nichts mehr. Mein Geist war wie in Nebel gehüllt, ich fühlte mich matt und schlapp, unfähig nur fünf Minuten am Stück konzentriert zu arbeiten. Studieren wurde wie Telefonbücher auswendig lernen: Die einzelnen Worte waren verständlich, aber es entstand kein Sinn durch ihre Aneinanderreihung. Ihre Bedeutung blieb mir verschlossen.

[…]Ich brauchte etwa einen Monat, bis ich erkannte, das ich krank und nicht unfähig war. Das war wohl meine Rettung. Mir wurde klar, dass ich eine richtige Auszeit und keine Fristverlängerung für die nächste Abgabe brauchte. So brach ich schweren Herzens meinen Auslandsaufenthalt ab und ging zurück nach Deutschland. Dort suchte ich mir Hilfe, Freunde zum Reden, einen Arzt und eine Therapeutin.

Studieren mit angezogener Handbremse

Nach einigen Wochen der Auszeit war für mich klar: Jetzt hast du deine Opfer erbracht, bist geläutert und hast damit alle Voraussetzungen, um wieder den Weg zur Normalität zu beschreiten. Ich betrieb sehr viel Selbstreflexion, versuchte, meine Fehler zu erkennen, reduzierte daraufhin meine Erwartungen und trennte mich von den meisten ehrenamtlichen Verpflichtungen. Mir war auch bewusst, dass der Kern der ganzen Misere in meiner ständigen Vergleichs- und Selbstoptimierungswut lag. In meiner Unfähigkeit, mit gutem Gewissen zu entspannen oder schlicht Nichts zu tun. Nun wusste ich genau, was meine Probleme waren.

Und aus dieser Erkenntnis schloss ich, dass ich nun für einen Neustart im Stande war. Ich besuchte also wieder die Universität, ausgeruht, mit neuer Kraft und dem Mut, dass jetzt alles wieder werden würde wie zuvor. Und genau das war mein Fehler. Trotz meiner reduzierten Leistungsanforderungen orientierten sich diese immer noch an dem Niveau vor meiner Erkrankung. Ich sah meine Genesungsphase als Übergang an, nach dem es mir doch bitte wieder möglich sein sollte, an alte Erfolge anzuknüpfen.

[…] Nur kurze Zeit später erkannte ich die Naivität meiner unrealistischen Pläne, was mich zum Semesterende in eine tiefe Resignation führte und erneut in die Depression stürzte. Mein einstiger, für mich normaler Leistungstand, und das scheint mir erst heute so klar, ließ sich nur unter krank machenden Bedingungen aufrechterhalten. […]

 

Der Autor möchte anonym bleiben. Mehr zu seiner Analyse zur „Droge Leistung“ finden Sie im Buch „Was bildet ihr uns ein?“.

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