Demokratie lernen statt pauken

Foto: © Bettina Malter

Politikunterricht an Schulen schreckt ab, sich politisch zu engagieren, findet der Autor Wolfgang Gründinger. Unterricht müsse wie eine Gratis-Kostprobe eines Schokoriegels sein, um wahre Demokratie zu verstehen. Daher fordert Gründinger, den Politikunterricht zu verzwölffachen! Ein Gastbeitrag.

Politik­unterricht an Schulen wird heutzutage in verschwindend geringer Dosis verabreicht, und das Wenige ist überzeugend langweilig. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Staat seine Jugend geradezu einschläfern will. Hätte ich mich in der Schule so wenig mit Mathe beschäftigt wie mit Demokratie, ich könnte heute nicht das kleine Einmaleins rechnen.

Der Sozialkunde-Unterricht im Gymnasium war für mich die wirksamste Abschreckung von politischem Engagement. Wir lernten die Namen und Amtszeiten der Bundespräsidenten und Bundeskanzler auswendig, wie viele Sitze der Bundestag hat, und welche Wahlverfahren es gibt. Die formalen Strukturen des parlamentarischen Systems standen auf dem Stunden­plan, bis hin zu Details, die selbst den meisten Abgeordneten nicht geläufig sind. Wir lernten aber nicht: dass politischer Streit richtig und wichtig ist; wie politischer Streit aussieht; Möglichkeiten politischen Engagements.

Wolfgang Gründinger ist Jahrgang 1984 und Autor des Buches Wir Zukunftssucher – Wie Deutschland enkeltauglich wird. Er ist zudem Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Der Politik- und Sozialwissenschaftler promoviert an der Humboldt Universität zu Berlin über Demokratieforschung.
Wolfgang Gründinger

Foto: © David Ausserhofer

Auch hinsichtlich der Stundenzahl fällt an bayerischen Schulen Sozialkunde kaum ins Gewicht. In den Klassen 5 bis 9 gibt es weder in der Realschule noch im Gymnasium Sozialkunde. Erst in der zehnten Klasse gibt es an Realschulen zwei Wochenstunden, an Gymnasien sogar nur eine (!) Wochenstunde, wofür im Gegenzug das Fach Geschichte um eine Wochenstunde gekürzt wird. An Hauptschulen hat man sich gleich entschieden, all das gesellschaftliche Gedöns im Hybridfach Geschichte/Sozialkunde/Erdkunde zusammenzu­legen, mit insgesamt zwei bzw. drei Wochenstunden in den Klassen 5 bis 10, wovon aber nur ein Bruchteil der demokratischen Bildung gewidmet ist.

Man wird das Gefühl nicht los, dass die bayerische Staats­regierung es mit der politischen Aktivierung Jugendlicher nicht allzu ernst meint. Als ich bei einem Vortrag vor knapp 300 Abiturienten in meiner Heimatstadt Tirschenreuth erklärte: „Ihr müsstet doch wissen, wie man sich politisch einmischen kann, schließlich habt ihr doch Sozialkunde“, brach allgemeine Belustigung aus. Die Schüler erklärten mir, der Sozialkundeunterricht sei vielmehr lächerlich denn aufklärend. In anderen Bundesländern sieht es aber leider auch nicht besser aus.

Würde man die politische Bildung an den Schulen verzwölffachen, bedeutete das beispiels­weise für die Realschulen und Gymnasien immerhin zwei Stunden pro Woche ab der fünften Klasse. Das sollte gangbar sein.

Die quantitative Erhöhung muss einhergehen mit einer qualitativen Verbesserung. Nicht mehr (nur) die formal-institutionellen Strukturen der Demokratie sollten auf den Lehrplänen stehen, sondern gesellschaftliche Streitthemen, Mitmachmöglichkeiten und der praktische Austausch mit Parteien, Politikern und Aktiven. Wenn Demokratie nur auf Schaubildern steht, wird es niemand geben, der mitmachen will. Demokratie muss praktisch erprobt und kennengelernt werden: wie die Gratis-Kostprobe eines Schokoriegels, die den Appetit weckt auf die ganze Packung.

Ideen für schöneren Politikunterricht gibt es wie Sand am Meer. Warum nicht bei allen Bundestags- und Landtagswahlen alle Schüler zu alternativen Jugendwahlen an die Urne bitten, einhergehend mit einem vorgeschalteten Infoprogramm – so wie es z. B. die Initiative U18 vormacht? Warum nicht an allen Schulen standardmäßig Demokratietrainings veranstalten, wie sie beispielsweise vom Verein zur Förderung politischen Handelns (vfh) organisiert werden? Warum nicht Speed-Datings mit den Wahlkreiskandidaten, die den Schülern Rede und Antwort stehen müssen? Warum nicht Politiktage organisieren, an denen Umweltverbände, Bürgerinitiativen und Parteien Kurzreferate, Workshops und Diskussionen anbieten und die Schüler wählen können, welche der offerierten Veranstaltungen sie besuchen wollen? Warum nicht Politik-Computerspiele testen, wie sie u.a. von der Bundeszentrale für politische Bildung und vom Umweltministerium entwickelt wurden? Warum nicht die neuen Instrumente der Netzdemokratie, wie Online-Petitionen, den Wahl-O-Mat oder interaktive Portale wie www.abgeordnetenwatch.de und www.campact.de vorstellen?

Es gäbe tausende Ideen, ohne großen Aufwand den Politikunterricht spannender und lebensnäher zu gestalten und dadurch zum Mitmachen anzustiften. Bisher wird Politik an den Schulen vor allem als Zumutung begriffen. Kein Wunder, wenn viele junge Menschen mit „der“ Politik nichts anzufangen wissen.

Weiterführender Beitrag: Damit, dass Demokratie ein Lebensstil an der Schule werden muss, setzen sich Was bildet ihr uns ein?-Autoren Lukas Daubner und Rainald Manthe auseinander: Demokratie ist ein Lebensstil

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