Ein Lehrer mit Blick zur Sonne

Lehrer Norbert Wilms

Foto: © Bettina Malter

Der Chemie- und Physiklehrer Norbert Wilms hat über 25 Jahre mit seinen Schülern Solarboote gebaut, um ihnen die Funktionsweise von erneuerbaren Energien näher zu bringen. Mit den selbstgebauten Flitzern sind sie bei Regatten angetreten und haben viele Preise gewonnen. Nun hat der 63-Jährige das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen.

Als das Bundesverdienstkreuz an Norbert Wilms Anzug steckt, macht Wilms das, was er immer tut, wenn plötzlich seine Person im Mittelpunkt steht. Er spricht über seine Schüler: Einmal sei der Propeller eines Solarbootes kaputt gegangen, und der Mathias, der habe dann einfach das Holzruder hinten ins Wasser gesteckt, um zu lenken. „Wie ein Gondoliere“, sagt Wilms und lächelt stolz.

Die kleine Gruppe in dem Sitzungsraum der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft in Berlin lacht. Die zehn Frauen und Männer halten noch ihre Gläser Sekt in der Hand, mit denen gerade auf Wilms Auszeichnung angestoßen wurde. Der Staatssekretär für Wissenschaft Knut Nevermann hatte das Bundesverdienstkreuz am Freitag stellvertretend für den Bundespräsidenten Joachim Gauck verliehen

Auf der vordersten Kante des Stuhles hatte Wilms gesessen, als Nevermann seine Rede verlaß – ganz gerade, die Hände auf den Tisch gelegt, als wäre der 63-Jährige wieder hinter die Schulbank zurückgekehrt.

Nevermann ehrte den Chemie- und Physiklehrer für seine Arbeit an der Berliner Max-Beckmann-Oberschule. Nach Tschernobyl 1986 war Wilms überzeugt gewesen, dass im Unterricht mehr zu erneuerbaren Energien gemacht werden müsse. Und so begann er mit seinen Schülern, Solarboote zu bauen, um mehr als nur Theorie zu vermitteln.

Ein selbstgebautes Solarboot Foto: © Bettina Malter

Damit die Boote auch einen Zweck erfüllen, hatte Wilms im Jahr 1988 die Idee, einen Wettbewerb zu etablieren. Und damit war er geboren: der weltweit erste Solarbootcup. Damals traten auf dem Tegeler See im Norden Berlins nur zwei Solarboote gegeneinander an – eins von den Lehrern und eins von den Schülern. (Wilms war natürlich im Schüler Team.)

Seitdem hat die Idee des Solarbootrennens Schule gemacht. Bundesweit gab es in zehn Städten Turniere. Auch in der Schweiz, in Italien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden wurden Rennen nach dem Berliner Vorbild organisiert. Und das Team der Max-Beckmann-Oberschulen ist als einziges Schulteam bei fast allen Wettbewerben dabei. Schon mehrmals haben sie den Deutschen- und den Europa-Titel gewonnen.

„Bei Solarbooten, da passe Angebot und Nachfrage zusammen“, erklärt Wilms nachdem Nevermann seine Ansprache beendet hat. Er ist aufgestanden und möchte den Moment nutzen, um auch etwas zu sagen. Er erklärt in seiner rheinischen Frohnatur, die Vorteile eines Solarbootes: „Im Winter fährt man nicht, und wenn es im Sommer Hund und Katze regnet, bleibt man eh zu Hause“, sagt Wilms mit starker Stimme. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, dessen Maße verraten wie stark er einst gewesen sein muss.

Wilms wurde Anfang des Jahres wegen einer Krebserkrankung pensioniert. Bei der Solarboot-AG bastelt er weiter mit, soweit es die Kräfte erlauben.

„Noch nie ist es passiert, dass ein Boot vollkommen ausgefallen ist“, sagt Wilms und setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Dann erklärt er, dass er zu jedem Rennen mit mehren Tonnen anreise, um immer Werkzeug und Ersatzteile dabei zu haben. Schließlich gehe es beim Solarbootrennen wie bei der Formel 1 um jeden Punkt. Und wenn ein Boot auf dem Wasser liegen bleibe, dann werde es eben noch während des Rennens repariert.

Wilms repariert beim 25. Jubiläum des Solarbootcups ein Boot. Foto: © Bettina Malter

Nicht aufgeben ist Wilms Lebensmentalität und das erleben auch seine Schüler. Noch bis vor einigen Jahren sangen sie nach Siegen immer das Lied von Queen We are the champions. Doch dann gab es dieses eine Rennen, bei dem einfach nichts funktionieren wollte und die Enttäuschung der Schüler auf der Rückfahrt die Stimmung drückte. „Scheiß egal“, meinte Wilms damals, um seine Schüler wieder aufzubauen. Er hatte sogar ein passendes Lied aus dem Rheinland parat:

„Scheiß egal, scheiß egal, ob du Henn bist oder Hahn ….“, sang er ihnen vor.

Begeistert von dem Song kürten die Schüler ihm zu ihrer neuen Motivations-, und Sieges-Hymne. Man müsse eben immer wieder aufstehen, sagt einer seiner ehemaligen Schüler, der wie viele andere in seiner Freizeit noch Rennen fährt.

Auch Wilms hat viel Freizeit, aber auch private Mittel in die Solar-AG gesteckt. Inzwischen hat die „erfolgreichste Solarwerft Europas“,wie sie sich selber nennen, mehr als 25 Solarboote. Darunter ein Boot aus Getränkedosen und ein Boot der Integration, das Schülerinnen mit türkischem Migrationshintergrund bauten. Im Jahr 2009 gewannen sie mit ihrer AG den Deutschen Klimapreis der Allianz Umweltstiftung. Und im August dieses Jahres feierten sie das 25-jährige Jubiläum des Solarbootcups.

Dass er für all das mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird, überrascht Wilms. „Man macht das ja aus Überzeugung“, sagt er. Dass das dann jemand honoriere, freue ihn und mache ihn ein bisschen stolz. „Jetzt müssen wir nur noch einen Nachfolger finden“, sagt Wilms. „Dann haben wir gewonnen.“

 

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