Gegen den vorgegebenen Weg

Arbeiterkind Bildungsaufstieg

Foto: © Bettina Malter

Arbeiterkinder haben in Deutschland eine viel geringe Chance zu studieren als Kinder deren Eltern Akademiker sind. Stella Tauber ging es ebenfalls so. Sie machte zunächst eine Ausbildung; etwas anderes war nicht vorgesehen. Dann hatte sie den Traum an eine Universität zu gehen, kämpfte sich durch das Abendabitur, um am Ende doch zu scheitern. Ein Selbstporträt.

[…] Ich wurde 1973 als sogenanntes Arbeiterkind in Bayern geboren. Ein Studium war für mich nicht vorgesehen und ich hatte es nie hinterfragt. […] Nach meiner Ausbildung und etwas Berufserfahrung wollte ich mehr und entschied, mein Abitur auf einer Abendschule nachzuholen, um dann zu studieren. […]

Meine Eltern verstanden seit meiner Entscheidung die Welt nicht mehr. Ihnen war nicht klar, warum ich das Abitur nachholen wollte […]. Ihrer Ansicht nach hatte ich doch schon einen Beruf, mit welchem sich gut Geld verdienen ließ. Als Studentin würde ich mich für Jahre finanziell schlechter stellen als eine Berufstätige. Sie sahen auch das Risiko, einen guten Job für eine ungewisse Zukunft aufzugeben. […] Ich hingegen versprach mir durch das Studium bessere Aufstiegschancen im Berufsleben und ein höheres Einkommen. Manche Führungspositionen konnten nur mit einem Hochschulabschluss erreicht werden. Außerdem wollte ich meinen Horizont erweitern und aus der Tretmühle des Arbeitsalltags ausbrechen.

 Der Kampf gegen Windmühlen

Nun galt es, einen Acht-Stunden-Arbeitstag und zusätzlich jeden Tag vier Schulstunden zu meistern. Von 8 bis 17 Uhr arbeitete ich in der Spedition, dann ging es schnell mit dem Rad zur Schule, und von 17.30 bis 21.45 Uhr hieß es, fürs Abitur zu lernen. Viele meiner Mitschüler brachen die Weiterbildung schon nach kurzer Zeit ab, da der Partner sie vor die Wahl stellte: die Schule oder ich. Mein damaliger Freund fühlte sich auch im Laufe der Zeit zurückgesetzt. Unter der Woche sah ich ihn meist nur noch abends kurz vor dem Schlafengehen. Wir führten mehr oder minder eine Wochenendbeziehung und dem hielt diese nicht stand.

Auch Freunde und Bekannte zogen sich zurück. Private Einladungen zu Geburtstagen oder Grillpartys blieben irgendwann aus, zu oft musste ich aus Zeitgründen absagen. Es gab viele schwere Momente, aber ich hatte mein Ziel eines Studiums vor Augen, und hielt durch. Ich sagte mir damals: „Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel! Wenn du es jetzt nicht schaffst, schaffst du es nie.“ Berufliche Überstunden waren ebenfalls schlecht mit der Fortbildung zu vereinbaren. Oft hatten meine Arbeitskollegen kein Verständnis für mich. Wieso sollte ich als einzige keine Überstunden leisten? Und so blieb ich manchmal trotzdem länger, um das Betriebsklima nicht noch zu verschlechtern. Einige Mitschülerinnen hatten da andere Probleme. Es gab beispielsweise Krankenschwestern,

die ihr Abitur abends nachholen wollten, es aber nicht mit ihrem Schichtdienst vereinbaren konnten, regelmäßig und pünktlich in die Schule zu kommen. Entweder machten ihre Kollegen Probleme, ihren Dienst zu übernehmen, oder sie selbst hielten dem Druck nicht stand, den Beruf, die Weiterbildung und nicht zuletzt die Familie unter einen Hut zu bringen. Die größte Hürde am Abendgymnasium stellt nämlich die Anwesenheitspflicht dar. Trotz

der Ausrichtung auf Berufstätige haben Schichtarbeiter oder Menschen ohne feste Arbeitszeiten keine Chance. Und so ließen die Probleme auf der Arbeit und Schwierigkeiten im Privatleben uns Klassenkameraden zu einer immer kleiner werdenden Schicksalsgemeinschaft zusammenwachsen.

Unbekanntes Terrain: Die Universität

Stella Tauber (geb. 1973) ist Rechtsanwaltsfachangestellte, Wirtschaftsfachwirtin und angehende Betriebswirtin (IHK). Sie studierte bis zur Zwischenprüfung an der Universität Tübingen Soziologie, Öffentliches Recht und Volkswirtschaftslehre. Sie engagiert sie sich für die Initiative Arbeiterkind.de und BBQ Berufliche Bildung GmbH.

Stella Tauber

Nachdem ich das Abitur bestanden hatte, schrieb ich mich an der Universität in Tübingen für den Magisterstudiengang Volkswirtschaftslehre ein. Es war mein Wunschfach. Ich wollte schon immer einmal die Strategie der Wirtschaftsmärkte verstehen lernen. In der Verwandtschaft musste ich ständig Fragen beantworten, was man mit dem Studium später alles machen könne. Einer fragte mich sogar, ob mit Volkswirtschaftslehre Völkerkunde gelehrt werden kann.

Auch meine Eltern konnten mit dem Studiengang wenig anfangen. Noch immer waren sie nicht von dem Weg überzeugt, den ich eingeschlagen hatte. Damit war klar, dass ich auf mich gestellt war. Ich wusste, dass mich meine Eltern in finanzieller Hinsicht nicht unterstützen konnten, weswegen ich schon früh die Frage klärte, ob ich mir ein Studium überhaupt leisten könne. Das BAföG bot mir die Chance, zumindest einen Teil der Kosten abzudecken. Dies bedeutete aber, noch etwas dazu verdienen zu müssen, denn das Geld allein reichte nicht aus, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. So arbeitete ich mal in meinem alten Beruf als Rechtsanwaltsfachangestellte weiter, nachts am Taxifunk oder als Aushilfe an einer Tankstelle.

Die Universität an sich war für mich ein Stück Neuland. Niemand aus meiner Familie konnte mir die akademische Welt erklären. Keiner aus meiner Verwandtschaft hatte zuvor studiert. So irrte ich anfangs etwas orientierungslos über den Uni-Campus und musste mich erst einmal zurechtfinden. Ein Professor fragte mich einmal völlig verwundert, warum ich mit meinen 25 Jahren und trotz meiner Berufsausbildung studierte. Seiner Meinung nach würde ich den „jungen Leuten den Studienplatz wegnehmen“ und sollte weiter arbeiten gehen. Da ich keine Lust hatte, mich wie so oft für meinen Lebensentwurf zu rechtfertigen, murmelte ich etwas von „Recht auf Bildung“ und ging weiter.

Doch auch unter den Erstsemestern fiel ich altersmäßig auf, denn die meisten Studierenden kamen ja direkt von der Schule an die Universität. Bald traf ich aber auf Kommilitonen, die sich im Berufsleben für ein Studium entschieden und ähnliche Erfahrungen wie ich hatten. Danach fühlte ich mich nicht mehr ganz so fehl am Platz. Als ich dann meine erste Hausarbeit schreiben musste, die für mich eine große Herausforderung darstellte, war ich nicht allein. Freunde erklärten mir das für mich fremde wissenschaftliche Prozedere und mit ihrer Hilfe gelang es mir, diese Hürde zu überwinden.Stolz war ich, als ich das kleine Papierbündel im Lehrstuhl einreichte.

Ich begann mich immer sicherer zu fühlen, und Studieren machte mir Spaß. Endlich gab es Tage, an denen ich bis 11 Uhr morgens schlafen und mir meine Zeit frei einteilen konnte, so wie manch WG-Mitbewohner von mir, der das Studium von seinen Eltern komplett finanziert bekam.

Spagat zwischen Nebenjob und Studium

Es gab aber auch die Tage, an denen ich Nachtarbeit und Studium meistern musste; und auf Dauer war diese Arbeitsbelastung zu hoch. Zumal jedes Semester aufs Neue die Seminare an anderen Wochentagen stattfanden und sich nicht jeder Arbeitgeber so flexibel zeigte. Auch Praktika ohne Vergütung konnte ich nicht leisten. Diese Doppelbelastung zerrte an meinen Nerven und der Balanceakt zwischen Nebenjob und Studium machte mich fast krank. Von einem feuchtfröhlichen Studentenleben konnte also nicht wirklich die Rede sein […].

Eines Tages war ich so übermüdet, dass ich einen Fahrradunfall hatte und mir einen Schultertrümmerbruch zuzog. Dabei verletzte ich mir noch so den Achselnerv, dass ich durch die Lähmung des rechten Armes nicht mit der rechten Hand schreiben konnte. Für circa drei Monate war ich außer Gefecht gesetzt und krank geschrieben. In dieser Krankheitsphase hatte ich genug Zeit zum Nachdenken; Zeit, um in mich zu gehen und mich zu fragen, ob ich noch den für mich richtigen Weg ging. Dass die doppelte Belastung von Lernen und Arbeiten mich inzwischen so kaputt machte, dass ich nicht einmal mehr konzentriert Fahrrad fahren konnte, gab mir zu denken. So kam ich zu dem Entschluss, den ganzen Druck aus meinem Leben zu nehmen. Nach erfolgreicher Zwischenprüfung brach ich also das Studium ab.

Es fiel mir nicht leicht, diese Entscheidung wirklich zu akzeptieren und gar nach außen zu kommunizieren. Aber bald fühlte ich mich in gesunder Gesellschaft: Denn schließlich brechen in Deutschland 19 Prozent der Studierenden ihr Studium ab. Das kann nicht nur an einem selbst liegen. Die Motive der Studienabbrecher sind vielfältig: Finanzielle Engpässe, persönliche Probleme sowie schlechte Studienleistungen. Ich selbst brauchte noch lange Zeit, um meinen Studienabbruch nicht als persönliches Versagen zu empfinden. […]

(Dies ist ein Auszug aus dem Selbstporträt von Stella Tauber, das im Buch Was bildet ihr uns ein? erschien.)