Was ist schon gerecht?

Schließfach Gerechtigkeit

Foto: © Bettina Malter

Schüler_innen haben ihre eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit. Warum dies so ist und welche Konsequenzen es haben kann, wenn Lehrkräfte dies nicht beachten, hat der Psychologe Felix Peter in einer Studie untersucht. Im Ergebnis plädiert er für eine offene Diskussionskultur an Schulen.

Gerechtigkeit ist etwas, was die Menschen umtreibt, wofür sie kämpfen, was sie täglich einfordern. „Das ist doch unfair!“ – Diesen Satz nehmen wir relativ oft in den Mund, um darauf hinzuweisen, dass ein Ereignis unserem Gerechtigkeitssinn zuwiderläuft. Doch was ist eigentlich „gerecht“? Was ist Gerechtigkeit? Die Psychologie gibt darauf eine auf den ersten Blick relativ einfache Antwort: Gerecht ist das, was als gerecht erlebt wird.

Auf den zweiten Blick birgt diese Antwort allerdings Komplikationen – gerade für jene Menschen, denen Gerechtigkeit besonders am Herzen liegen sollte, da sie ihr beruflich verpflichtet sind. Dazu gehören insbesondere all jene, die im Alltag andere Menschen bewerten (müssen), sei es in der Rechtsprechung, beim Jugendamt, im Sport oder auch in der Schule. Vor allem von Lehrkräften wird ein hohes Maß an Gerechtigkeit in ihrem Verhalten eingefordert, nicht zuletzt weil die Schule selbst als Institution der Gerechtigkeit verpflichtet ist.

Die Arbeit von Lehrkräften wäre um ein Vielfaches einfacher, wenn sie wüssten, was genau gerecht ist. Dann gäbe es klare Handlungsvorgaben, nach denen sie sich nur richten müssten. Sicherlich haben Lehrkräfte klare Vorstellungen, was für sie gerecht ist und was nicht. Zudem liefert ihnen die Pädagogik einen bunten Strauß an Empfehlungen, nach denen sie handeln können.

Es kommt auf den Blickwinkel an

Doch so einfach ist es nicht. Denn was eine Lehrkraft als gerecht erachtet, muss von Lernenden nicht automatisch als gerecht empfunden beziehungsweise erlebt werden: So kann eine Auseinandersetzung zwischen einem Lehrer und einem Schüler vom Lehrer, vom Schüler und von eventuell beobachtenden anderen Schülern ganz unterschiedlich beurteilt werden. Der Lehrer könnte zu dem Schluss kommen, er würde gerecht handeln, der Schüler könnte sich ungerecht behandelt fühlen, die beobachtenden Schüler könnten zu dem ein oder dem anderen Urteil gelangen oder den Vorgang gar nicht mit Gerechtigkeit in Verbindung bringen.

Warum kann dieselbe „objektive“ Situation von unterschiedlichen Personen so unterschiedlich bewertet werden? Wie wir unsere Umwelt und Vorgänge darin bewerten, ist das Ergebnis eines Erlebensprozesses, der mit der bloßen Reizaufnahme beginnt, aber nicht aufhört. So wird in der Psychologie davon ausgegangen, dass je nach individueller Veranlagung, Entwicklung oder Persönlichkeit scheinbar „objektive“ Umweltreize subjektiv gefiltert oder verzerrt und somit unterschiedlich verarbeitet werden. Am Ende eines solchen Prozesses steht nun beispielsweise ein Lehrer, der einen Tadel für gerecht(fertigt) hält, ein Schüler, der das Gegenteil empfindet, und der Rest der Klasse, dem das alles eventuell sogar egal ist.

Forschungsarbeiten haben in verschiedenen kulturellen Kontexten Belege dafür geliefert, dass Menschen unbewusst daran glauben, in einer Welt zu leben, in der es gerecht zugeht. Sie haben also die intuitive Vorstellung, dass ihnen und anderen Menschen Gerechtigkeit widerfährt, wobei diese Vorstellung von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt ist. Sie wirkt am oben beschriebenen Erlebensprozess als eine Art kognitiver Filter mit, der dafür sorgt, dass objektiv gleiche gerechtigkeitsbezogene Umwelteindrücke eine subjektive Färbung erhalten, also unterschiedlich verarbeitet und interpretiert werden.

Man kann sich eine solche Vorstellung wie eine Sonnenbrille vorstellen: Diese ist in unterschiedlichen Tönungsstufen und Glasfarben erhältlich und sorgt somit dafür, dass bei Besitzern verschiedener Brillenarten dasselbe Licht unterschiedlich erlebt wird: mal heller oder dunkler, eher bläulich oder grün. Ebenso wirken auch verschiedene Gerechtigkeitsvorstellungen: Menschen, bei denen sie stärker ausgeprägt sind, erleben Ereignisse in ihrer Umwelt als gerechter und ihre Umwelt insgesamt sogar positiver. Je stärker Schüler_innen beispielsweise daran glauben, in einer Welt zu leben, in der es für sie persönlich gerecht zugeht, als desto gerechter erleben sie ihre Lehrkräfte und Mitschüler und desto mehr vertrauen sie darauf, von ihren Mitmenschen gerecht behandelt zu werden.

Der Gerechtigkeitssinn bestimmt den Erfolg mit

In einer aktuellen Schulstudie konnte empirisch belegt werden, dass diese Funktion verschiedene positive Konsequenzen für Schüler_innen haben kann. So schätzten jene Schüler_innen, deren Gerechtigkeitsvorstellungen stärker ausgeprägt waren, das Verhalten ihrer Lehrkräfte als gerechter ein. Sie erlebten zudem das Sozialklima in ihrer Klasse positiver, fühlten sich wohler und weniger ausgeschlossen, zeigten eine größere Bereitschaft zu lernen und bessere Zensuren. Kurzum: Bei ihnen waren zentrale Voraussetzungen zur erfolgreichen Bewältigung des Schulalltags und der Schulkarriere stärker ausgeprägt, als bei ihren Mitschülern mit schwächeren Gerechtigkeitsvorstellungen. Sie profitierten somit von ihrer positiv gefärbten Sonnenbrille.

Was ist nun aber mit jenen Schüler_innen, deren Gerechtigkeitsvorstellungen weniger stark ausgeprägt sind? Für sie ist zu erwarten, dass sie ihre schulische Umwelt, insbesondere das Verhalten ihrer Lehrkräfte ihnen gegenüber als weniger gerecht erleben. In der Folge fühlen sie sich weniger wohl und sind weniger motiviert und es ist für sie wahrscheinlicher, dass sie die Schule weniger erfolgreich durchlaufen werden. Um eine solche Abwärtsspirale zu vermeiden ist es für Lehrkräfte wichtig, sich nicht nur aus ihrer Sicht gerecht zu verhalten, sondern auch die Perspektive(n) ihrer Schützlinge im Blick haben.

Sind sich Lehrkräfte ihrer eigenen Subjektivität bewusst und akzeptieren sie diese, ist das ein erster Schritt hin zu einer gerechteren Schulumwelt. Der zweite Schritt wäre dann die Schaffung eines offenen Diskussionsklimas, das einen gemeinsamen Austausch über subjektive Gerechtigkeitsurteile in der Klasse ermöglicht. Ein dritter Schritt wäre schließlich eine gegenseitige Anerkennung, Verständigung und gegebenenfalls Ableitung von Regeln und Leitlinien für den Umgang miteinander. Profitieren würden davon alle Schüler_innen, ob nun mit oder ohne mehr oder weniger vorteilhaften Sonnenbrillen.

Mehr zum Thema: Peter, Felix (2012): Die Bedeutung intuitiver Gerechtigkeitsvorstellungen für Schülerinnen und Schüler: Eine mehrebenenanalytische Längsschnittuntersuchung zur Wechselwirkung von implizitem Gerechtigkeitsmotiv und schulischer Umwelt. Hamburg: Kovač.

Das könnte dich auch interessieren

  • „Seid unsichtbar!“ – Die Bildungsbotschaft an schlechte Schüler_innen„Seid unsichtbar!“ – Die Bildungsbotschaft an schlechte Schüler_innen Wer in der Schule nicht gut mitkommt, kann sich leicht hinter seinen schlechten Leistungen verstecken. Bis es Reaktionen von Eltern oder Lehrenden gibt, ist es meistens schon zu spät und […]
  • Das Abitur – überall das Gleiche?Das Abitur – überall das Gleiche? Bundesweit soll es künftig einheitliche Abiturklausuren geben. Aber welches Land wird zur Vorlage? Unsere Blogger_innen Lukas Claes aus Nordrhein-Westfalen und Theresa Heitner aus Bayern […]
  • Mathe-Abi-Prüfung zum ScheiternMathe-Abi-Prüfung zum Scheitern In Nordrhein-Westfalen protestieren Schüler_innen gegen eine zu schwierige Mathe-Abitur-Klausur. Unser Blogger Lukas Claes hat sie mitgeschrieben und für uns notiert, wie es ihm und seinen […]
  • Ein Lehrer mit Blick zur SonneEin Lehrer mit Blick zur Sonne Der Chemie- und Physiklehrer Norbert Wilms hat über 25 Jahre mit seinen Schülern Solarboote gebaut, um ihnen die Funktionsweise von erneuerbaren Energien näher zu bringen. Mit den […]
  • RSS
  • Email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • LinkedIn
  • Delicious
  • StumbleUpon