Kanadas Förderschüler gehören einfach dazu

Schule Kanada

Foto: © Bettina Malter

Susanne Czaja ist auf der Suche nach einem chancengerechten Schulsystem. Erst kürzlich war sie in Kanada und ist überrascht, wie mit Kindern mit Förderbedarf umgegangen wird. Sie gehören so selbstverständlich zum Schulalltag, dass sie sich nicht traute zu erzählen, wie es in Deutschland aussieht.

Es ist der erste Tag meiner Erkundungsreise, auf der Suche nach einem chancengerechteren Schulsystem. Und sie führt mich mitten in die Multikulti-Metropolo Toronto, in eine Elementarschule im Stadtteil Yorkville, die repräsentativ für so viele Schulen im Raum Ontario steht. Hier treffen täglich circa 400 Schüler im Alter von vier bis vierzehn Jahren mit 40 unterschiedlichen Herkunftssprachen und unterschiedlichen kulturellen sowie sozialen Hintergründen aufeinander.

Etwa 60 Prozent der Kinder besitzen eine andere Muttersprache als Englisch. Manche der Schüler sind hochbegabt, andere wiederum besitzen einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Gemeinsam ist allen jedoch, dass sie ein und dieselbe Schule besuchen, zusammen und voneinander lernen. „Learning for All“, nennt dies der Toronto District School Board und benennt es als oberste Priorität.

Rückblick im Rollenspiel

Ich bin weit gereist, um mir jenes Schulsystem anzuschauen, dem es so gut wie kaum einem anderen gelingt, Schülerheterogenität als Chance zu nutzen. Einem Schulsystem, das im Rahmen zahlreicher Studien nicht nur mit glänzenden Leistungen, sondern auch mit seiner Chancengerechtigkeit beeindruckte. Und jetzt sitze ich hier, in der Klasse von Ms. Deluca, die eigentlich anders heißt, und schaue den Schülern dabei zu, wie das Gelernte der letzten Tage als Rollenspiel wiederholt wird.

Gerade gibt Ms Deluca, letzte Anweisungen für das anstehende Rollenspiel im Fach Englisch. Kurz darauf entschwindet sie aus der Klasse und kehrt wenige Sekunden später als Journalistin zurück.

Wir befinden uns nun nicht mehr im stickigen Klassenzimmer in Toronto, sondern in einer Dorfgemeinschaft, in der auch Ureinwohner Kanadas beheimatet sind. Es ist Ende der 1940er Jahre und die Einwohner des Dorfes, die Kinder, ihre Eltern, der Bürgermeister, Missionare und der Besitzer eines kleinen Geschäfts diskutieren gerade anregt miteinander, ob man die Kinder auf sogenannte Residential Schools schicken sollte, internatartige Schulen die primär für die Ureinwohner Kanadas gedacht waren.

Dazwischen springt Ms Deluca neugierig in die diskutierende Runde – jetzt als Journalistin mit einem imaginären Kamerateam im Schlepptau, auf der Suche nach den neusten Nachrichten. Mit ihrer energischen Art befragt sie ihre zu Dorfbewohnern gewordenen Schüler nach ihrer Meinung und löst eine lebhafte Debatte darüber aus, ob diese Residential Schools ihre Berechtigung besitzen.

Sam, ein blonder schmächtiger Junge mit modischer Brille und rotem Poloshirt, spielt einen jungen Native American, der nicht auf diese Schule gehen möchte. Er trägt viele überzeugende Argumente vor, warum der Besuch einer Schule, die vor allem der Assimilation dient, für ihn persönlich und seine Kultur nachteilig wäre. Zwischendurch gerät er ins Stocken, muss überlegen, fährt dann aber selbstbewusst fort: „Wir dürfen unsere Kultur und unsere Herkunft nicht einfach vergessen und verleugnen. Auch wir sind Kanadier!“

Als die Schulglocke ertönt, verwandeln sich die Dorfbewohner wieder in Kinder, die eilig aus dem Klassenraum huschen.

Alles wie in Deutschland?

Ich bin verwirrt und enttäuscht zugleich. Hatte ich doch erwartet, sofort zu sehen, worin sich dieser Unterricht von dem in Deutschland unterscheidet. Einerseits bin ich fasziniert von dem Engagement und der Ernsthaftigkeit, mit der die Schüler ihre Rollen spielten. Doch Rollenspiele wie diese, kenne ich auch noch aus meiner Schulzeit. Sie stellen für mich keine außergewöhnliche Lehrmethode dar. Vielleicht, so denke ich mir, war es eine Schnapsidee zu glauben, man könne sich einfach in eine kanadische Klasse setzen und Chancengerechtigkeit auf Unterrichtsebene wirklich erkennen. Ms. Deluca, die noch die letzten Stühle aus dem Weg geräumt hat, scheint mir meine Verwunderung anzusehen und lächelt. Sie nimmt mich mit in die Pause, um mir mehr von ihrer Klasse zu erzählen.

In ihrer Klasse lernen nicht nur Viert- und Fünktklässler gemeinsam, sondern auch sogenannte students with special needs, also Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf. Sam, der schmächtige blonde Junge, der mir besonders positiv aufgefallen war, ist ein solcher Schüler. Ich bin erstaunt darüber und frage noch einmal nach. Ja, sagt Ms. Deluca, Sam könne sehr gut mündlich mitarbeiten, da unterscheide er sich nicht merklich von seinen Mitschülern. Bei schriftlichen Aufgaben, da bräuchte er jedoch mehr Unterstützung als andere.

Während des Gesprächs mit Ms. Deluca merke ich zunehmend, dass das, was mich zunächst irritiert und enttäuscht hat, vielleicht sogar das Besondere sein könnte, nachdem ich suche: dass Lehrer es schaffen, trotz der unterschiedlichen Lernausgangslage der einzelnen Schüler, einen Unterricht zu gestalten, der sich nicht von einem normalen Unterricht in Regelschulen unterscheidet – und doch alle Schüler mitnimmt.

Lehrer bekommen Unterstützung

Am nächsten Tag besuche ich den Sportunterricht einer Klasse von Zweit- und Drittklässlern. Neben der Sportlehrerin sind noch zwei weitere Personen anwesend, sogenannte Special Needs Assistants. Die zwei Frauen huschen immer wieder hin und her und holen zwischendurch zwei Mädchen aus der Gruppe, um ihnen etwas zu erklären oder sie zu Recht zu weisen. Eine davon ist die neunjährige Shelly, die Gefallen daran hat, ihren langen Rastazöpfen beim Fliegen zuzusehen, während sie den Kopf schüttelt. Sie wirkt unkonzentriert und folgt den Anweisungen der Sportlehrerin erst nach mehrmaliger Aufforderung

Diese Special Needs Assistants unterstützen die Lehrkraft im Unterricht und sind für jeweils ein Kind mit sonderpädagogischen Förderbedarf zuständig. Sie helfen den Kindern oder holen sie bei Bedarf aus der Gruppe, ohne das der Unterricht unterbrochen oder gestört wird. Ob und wie oft ein solcher Assistent dabei ist, hängt dabei von mehren Faktoren ab, unter anderem vom individuellen Lehrplan der students with special needs. Dieser orientiert sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des jeweiligen Kindes und wird dann erarbeitet, wenn bei einem Schüler ein Förderbedarf festgestellt wird. Im Rahmen des individuellen Lehrplans wird u.a. auch vereinbart, welche zusätzliche Unterstützung sie in Form von besonderen Unterrichtsmaßnahmen erhalten.

Schüler wie Sam und Shelly stellen dabei keine Besonderheit dar, denn die Integration von Schülern mit einem besonderen pädagogischen Förderbedarf in die Regelschule ist charakteristisch für das kanadische Schulsystem. Sie erhalten sowohl Unterricht in Regelklassen, als auch in Kleingruppen, in denen speziell auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Auf meine Frage, ob die Lehrkräfte die Integration von special need students befürworten, ernte ich zumeist Verwunderung. Natürlich, heißt es, diese Kinder bräuchten doch Vorbilder und wie sollten sie sich denn fühlen, wenn sie komplett separiert werden? Ich nicke zustimmend und traue mich gar nicht zu erzählen, welche Umgangspraxis in Deutschland den Alltag kennzeichnet.

Eine neue Perspektive

Um zu erfahren, ob die Integration von special need students auch an anderen Regelschulen in Toronto so gut gelingt wie an jener Schule in Yorkville, treffe ich mich wenige Tage später mit Derek, der als Elementarschullehrer in einem anderen Stadtteil arbeitet. Auch er berichtet davon, dass es zwar nicht immer einfach sei aber sehr wohl notwenig und sinnvoll wäre, Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf in die Regelschule zu integrieren. Und auch, dass man bei einer so heterogenen Schülerschaft als Lehrer sowieso lernen müsse, auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers einzugehen.

Als Derek schließlich fragt, wie denn in Deutschland Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf in die Klassen integriert werden, erkläre ich ihm das Prinzip der Sonderschulen. Sein Erstaunen über das, was er gerade gehört hat, ist ihm deutlich anzusehen. Meine Verlegenheit, aus einem solchen Bildungssystem zu stammen, ist wahrscheinlich ähnlich ersichtlich, jedenfalls wechselt Derek bereits nach wenigen Nachfragen zu heiteren Themen.

Nach einigen Stunden Diskussionen darüber, was überhaupt ein chancengerechtes Schulsystem ist und wie es in Deutschland aussehen könnte, verabschiede ich mich von Derek und bin voller Enthusiasmus und Ideen für Veränderungen. Doch bevor sich unsere Wege trennen, sagt Derek einen Satz, der mich verwirrt. „Ich war“, sagt er räuspernd, „nie ein guter Schüler, aber als Lehrer leiste ich jetzt sehr gute Arbeit.“ Derek lächelt, als er merkt, dass ich nicht von alleine darauf  komme, was er damit sagen will und fährt grinsend fort: „Auch ich war einmal ein special need student.

Auf meinem Heimweg zum Studentenwohnheim, muss ich noch lange über diesen Satz nachdenken. Er lässt mich einfach nicht mehr los. Ein Lehrer, der früher selbst einen sonderpädagogischen Förderbedarf hatte. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Und stelle traurig fest: Wohl kaum. Auf einmal überkommt mich das Gefühl, dass es genau richtig war, meine Suche nach einem chancengerechten Schulsystem gerade hier, im fernen Kanada, zu beginnen.

(Aus Datenschutzgründen wurden die Namen der Schüler und Lehrkräfte verändert.)

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