Nehmt unseren Schulstress ernst

Graffiti Schulstress G8

Foto: © PE

Lukas Claes ist 17 Jahre und gehört zum ersten Jahrgang, der sein Abitur in Nordrhein-Westfalen in acht statt neun Jahren macht. Während in Berlin gelobt wird, dass die Leistungen der G8-Jahrgänge nur geringfügig schlechter sind, fordert Lukas, noch ein Leben neben der Schule haben zu dürfen.

Wenn ich meine Freunde frage, was sie am Wochenende vorhaben, bekomme ich meist die knappe Antwort „Lernen“ oder „Hausaufgaben“. Ausführen brauchen sie das nicht, denn es ist für uns alle Alltag und jeder von uns weiß: Die Zeit am Wochenende brauchen wir fürs Lernen, sonst sind die Anforderungen nicht zu erfüllen. Was das wirklich für uns Schüler bedeutet und warum wir eigentlich ständig lernen müssen, das fragt sich niemand.

Ich bin derzeit in der 12. Klasse – also in meinem letzten Schuljahr. Seit 2005 müssen wir Schüler in Nordrhein-Westfalen unser Abitur in acht Jahren statt in neun schaffen. In den letzten Jahren mussten wir deswegen so viel pauken wie sonst noch nie, denn uns fehlte ein gesamtes Schuljahr, das wir aufholen mussten.

So saßen meine Klassenkameraden und ich fast täglich bis 16:00 Uhr in der Schule. Da es verboten war, uns Unterstufenschüler acht Stunden am Stück zu unterrichten, wurde kurzerhand eine einstündige Mittagspause eingeführt. Nach einer Stunde Langeweile warteten dann noch zwei Stunden Physik auf uns. Wir waren alle gänzlich unmotiviert, denn lieber hätten wir den Nachmittag so wie die G9-Schüler aus der Stufe über uns für Freizeitaktivitäten genutzt, besonders dann, wenn im Sommer draußen die Sonne schien. Der Lerneffekt war folglich nicht besonders hoch.

G8 war eine Hau-Ruck-Aktion

Gleichzeitig gab es in der neunten Klasse mit einem Mal unglaublich viele Hausaufgaben auf. Die Lehrer stellten fest: Die Schüler des G8-Jahrganges mussten innerhalb eines Schuljahres ja noch auf den gleichen Stand mit den anderen gebracht werden, um die beiden Jahrgänge gleich unterrichten zu können. Da die Schulbücher noch nicht angepasst waren, behandelten wir in der neunten Klasse in Englisch gleich zwei Bücher, das der neunten Klasse und dazu noch das der zehnten Klasse, welches auch viele neue Grammatiken enthielt. In Mathe fehlte am Ende des Schuljahres die Zeit, den Unterrichtsinhalt von zwei Jahren zu erlernen, also sollten wir den fehlenden Stoff in den Ferien lernen.

Wir hatten das eher für einen Witz gehalten und haben in den Ferien endlich einmal frei gemacht. Als dann aber unserer Mathelehrerin nach den Sommerferien klar wurde, dass niemand etwas gemacht hatte, bekamen wir die Arbeitsblätter gleich am Anfang des 10. Schuljahres nacheinander als Hausaufgaben auf. Natürlich zusätzlich zu den anderen Aufgaben. Gerade in dieser Zeit erkannten wir, dass die Schule immer mehr unserer Freizeit raubte und wir zunehmend gestresst waren.

Auch in der Anfangsphase der 11. Klasse, der sogenannten ersten Qualifikationsphase, hatte ich als G8-Schüler noch in manchen Fächern verschiedene Themen nachzuarbeiten. Aber mir erging es nicht wie einem meiner Freunde, an dessen Schule die Lehrer nicht wie bei mir in der Unterstufe den Stoff eintrichterten. Das führte nämlich zu einer direkten Ungleichbehandlung der Jahrgänge 11 und 12. Denn in dem sogenannten „Übergangsjahr“, wurden in der Oberstufe die letzten G9-ler und die ersten G8-ler zusammen unterrichtet, ohne dass es für diese eine Chance gab, Stoff aufzuholen. Für meinen Freund hieß das, dass er in der Schule nur noch schlechte Noten schrieb. Man sieht also wie makaber diese Hauruck-Reform ist.

Um meine Noten zu halten, saß ich oft bis abends 22 Uhr, um all das zu schaffen. Falls ich mich fragte, weswegen ich eigentlich nur noch lernte, schien die Antwort zunächst ganz leicht: Na klar! Stimmt ja. Die nächste Klausur muss gut werden. Die zählt nämlich für die Abiturnote. Und einen guten Schnitt brauche ich, um später möglichst meinen Wunschstudiengang wählen zu können.

Der Preis ist mir zu hoch

Irgendwann hörte ich auf, Gitarre zu spielen und ging seltener zum Karatetraining, obwohl ich dieses Hobby auf Leistungsebene machte. Ein Freund von mir entschied sich anders und ist heute Deutscher Meister. Seine Schulnoten sind dafür deutlich schlechter als meine.

Schon in der elften Klasse haben ich gemerkt, dass schlussendlich doch alles geklappt hat. Denn aktuell gibt es keine erheblichen Leistungsunterschiede zwischen den G8- und G9-Schülern. In manchen meiner Kursen sind sogar wir Jüngeren im direkten Vergleich besser. Prima! Wieso rege ich mich also auf? Ist ja alles gerade nochmal gut gegangen mit der überstürzten Schulreform.

Aber, die Frage ist: Welchen Preis haben wir dafür bezahlt? Und dieser wird in den Statistiken nicht aufgeführt. Doch er ist entscheidend für uns: Unsere Jugend.

Wenn es überhaupt noch irgendein Interesse in der Politik daran geben sollte, den nicht wahlberechtigten Schülern das Leben etwas leichter zu machen und ihnen eine Jugend mit Freizeit zu geben, die für ihre freiheitliche Entwicklung von essentieller Bedeutung ist, so muss es wieder ein Schuljahr mehr geben oder die Lehrpläne müssen im Hinblick auf Kürzungen überarbeitet werden.

Es kann nicht sein, dass der Erfolg des G8-Projektes immer nur in der Leistung gemessen wird, denn die Kehrseite der Medaille, der große Schulstress wird eben nicht gesehen. Ich will aber vor dem Einstieg in das Berufsleben eine schöne Jugend gehabt haben. Eben eine Zeit, in der ich mich ausprobieren kann, in der ich meinen Interessen nachgehen kann. Viele meiner Mitschüler haben den gleichen Wunsch. Also hört uns endlich zu, wenn wir sagen: Wir wollen auch eine Jugend haben.

Das könnte dich auch interessieren

  • Abi-Prüfung: „Wir waren geschockt“Abi-Prüfung: „Wir waren geschockt“ In Nordrhein-Westfalen fordern Schüler_innen die Mathe-Abiprüfung wiederholen zu können und eröffnen eine Facebook-Protestgruppe. Innerhalb weniger Tage traten über 10.000 Personen ihrer […]
  • Funkenflieger laufen für BildungswendeFunkenflieger laufen für Bildungswende Sie nennen sich Funkenflieger und laufen quer durch Deutschland bis nach Berlin – und zwar zu Fuß. Dutzende Schüler_innen haben sich von der Schule frei genommen und diskutieren auf […]
  • Der programmierte SchülerDer programmierte Schüler Der 17-Jährige Schüler Jonas Hertel hat ein Buch darüber geschrieben, was in Schulen falsch läuft. In "Der programmierte Schüler" macht er deutlich, wie Jugendlichen die Lust am Lernen […]
  • Einsam durch RitalinEinsam durch Ritalin Effektiver, fokussierter, konzentrierter: Jura-Student Robin K. schluckt Ritalin, um seine Leistung im Studium zu steigern. Erst spät merkt er: Die Konzentrationsdroge erstickt seine […]
  • RSS
  • Email
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • LinkedIn
  • Delicious
  • StumbleUpon