Exzellenzinitiative: Vorn liegen die üblichen Verdächtigen

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Foto: © Bettina Malter

Die Exzellenzinitiative schafft neue Hierarchien zwischen den Hochschulen, sagt der Soziologe Michael Hartmann. Welche Folgen das für die soziale Selektion im Bildungssystem hat, erklärt er im Interview.

Simon Stratmann: Herr Hartmann, die dritte Runde der Exzellenzinitiative ist seit dem 15. Juni entschieden. 2,7 Milliarden Euro werden bis 2017 an die Gewinner verteilt, mit Freiburg, Göttingen und Karlsruhe verlieren drei Unis ihren Exzellenzstatus. Ist die Wissenschaftselite durcheinandergewirbelt worden oder bleibt alles beim Alten?

Michael Hartmann: Der Wettbewerb festigt die traditionellen Strukturen. Von den bisher geförderten Universitäten, Exzellenzclustern und Graduiertenschulen sind über 80 Prozent bestätigt worden, von den Neuanträgen ist dagegen nicht einmal die Hälfte durchgekommen. Letztere wurden zudem fast durchweg von schon in den ersten beiden Runden erfolgreichen Universitäten eingereicht. Es gibt allerdings Verschiebungen unter den Top 20. Karlsruhe, Freiburg, Göttingen und Darmstadt haben Plätze eingebüßt, die HU Berlin, die TU Dresden und die Universitäten Köln und Tübingen Plätze gut gemacht. Ganz oben ist mit den beiden Münchner Unis, Aachen und Heidelberg aber alles beim alten geblieben. Wirklich überraschend sind nur die Erfolge von Chemnitz und Oldenburg, die sie im Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aber auch nicht unter die führenden 20 bringen werden.

Stratmann: Nach welchen Kriterien hat die Runde aus DFG, Wissenschaftsrat und zuständigen Ministern entschieden? Hat der Wettbewerb eine angemessene Definition der akademischen Leistungselite geboten?

Hartmann: Die entscheidende Kommission war von vornherein so zusammengesetzt, dass die Mediziner und Naturwissenschaftler im Vorteil waren. Sie stellten über die Hälfte der Kommissionsmitglieder und diese Fächer kennen sich seit langen Jahren zudem durch gemeinsame Forschungsprojekte und im Falle der Mediziner auch gemeinsame Ausbildungspassagen. Das garantiert ihren großen Erfolg. Die Ingenieure haben zumindest noch Verbindungen zu den Naturwissenschaftlern, die Geistes- und Sozialwissenschaftler bleiben außen vor. Außerdem benachteiligte das Format der großen Cluster die Geistes- und Sozialwissenschaften ebenfalls von vornherein. Eine reine Leistungselite gibt es hier ebenso wenig wie in anderen gesellschaftliche Bereichen, etwa der Wirtschaft. Es geht bei Eliten immer um die Verteilung und Reproduktion von Machtpositionen. Wer hat, dem wird gegeben. Das gilt für die Fachdisziplinen, aber auch für die Universitäten. Vorn liegen die üblichen Verdächtigen. Sie profitieren von ihrer Tradition, ihrer Finanzkraft und der Existenz möglichst vieler Max-Planck-Institute am selben Ort. Wer all das nicht aufweisen kann, hatte keine Chance.

Soziologe Michael Hartmann ist Professor an der Technischen Universität Darmstadt. Er beschäftigt sich mit Elitenforschung und ist Autor einer Reihe von kritischen Analysen des deutschen Bildungssystems. In seinem aktuellen Lehrforschungsprojekt geht es um die „Umstrukturierung der deutschen Hochschullandschaft“.

Stratmann: Seit der ersten Exzellenzinitiative von 2005 ist die Kritik an einer Spaltung von Forschung und Lehre und am Förderverhältnis zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften nicht verstummt. Ist sie weiterhin berechtigt?

Hartmann: Sie ist mit den jetzigen Entscheidungen sogar noch berechtigter als früher. Kamen nach den ersten beiden Runden sechs von 37 Exzellenzclustern aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, sind es jetzt sechs von 43. Von 27 Neuanträgen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften ist gerade einmal einer erfolgreich gewesen. Dafür ist aber gleich ein früher erfolgreicher rausgefallen. Die Medizin und die Naturwissenschaften stellen demgegenüber nun sogar 29 der 43 Cluster. Acht entfallen auf die Ingenieurwissenschaften.

Stratmann: Und wie sieht im Hinblick auf die Lehre aus?

Hartmann: Was die Lehre angeht, so stellt die Reduzierung des Lehrdeputats bei Berufungs- oder Bleibeverhandlungen an vielen Universitäten mittlerweile eine der wichtigsten Forderungen dar. Derartige Wünsche werden vor allem von jenen Professoren vorgetragen, die in den siegreichen Exzellenzclustern tätig sind, ob als Antragsteller oder erst neu berufen. Gerade jene Wissenschaftler, die sich durch besondere Leistungen in der Forschung ausgewiesen haben, versuchen auf diesem Wege, die im internationalen Vergleich relativ hohen Lehrverpflichtungen deutscher Professoren für sich spürbar zu verringern. Fast alle Cluster haben das Lehrdeputat für die neu berufenen Professoren/innen auf die Hälfte, teilweise sogar noch stärker reduziert. Umworbene Professoren/innen haben aber nicht nur in den Verhandlungen im Rahmen der Exzellenz-Cluster gute Karten, sondern auch darüber hinaus, weil für die Universitäten die Forschungsergebnisse generell immer entscheidender werden, um im stetig härter werdenden Wettlauf um die öffentlichen Mittel punkten zu können.

 Stratmann: Was bedeutet das genau?

Hartmann: Die Lehre wird gegenüber der Forschung noch mehr an Boden verlieren, was ihre Bedeutung angeht. Selbst die Studierenden an den Sieger-Universitäten werden von dem zusätzlichen Geld in der Lehre nur eher selten etwas spüren. Was sie gewinnen, ist Renommee. Das Zeugnis einer Eliteuni wird die Karriereaussichten in Zukunft deutlich verbessern, unabhängig davon, ob die Lehre dort besser ist. Das zeigt das Beispiel der Elitehochschulen in den USA.

Stratmann: Die Exzellenzinitiative fördert besonders die internationale Sichtbarkeit der deutschen Forschung. Wie steht es nach sieben Jahren und vielen Milliarden Euro um dieses Ziel?

Hartmann: Sie dürfte aufgrund des Medienrummels zwar etwas zugenommen haben, in den Rankings, die von den Befürwortern immer als Beleg für die Notwendigkeit des Wettbewerbs angeführt worden sind, ist aber alles beim Alten geblieben. Im Shanghai-Ranking ist wie schon im ersten Ranking 2003 eine deutsche Uni unter den ersten 50, sind sechs unter den ersten 100 und gut 35 unter den ersten 500. Ob sich in der Realität der internationalen Wissenschaftslandschaft, die in diesen Rankings ja allenfalls sehr begrenzt abgebildet wird, etwas geändert hat, kann man derzeit kaum sagen. Ob diese Sichtbarkeit die Wissenschaft wirklich voran bringt, ist sogar noch ungewisser.

Stratmann: Wenn Sie an das Jahr 2017, dem Ende der aktuellen Förderphase, denken: Welche Bilanz wird bis dahin im Hinblick auf die soziale Selektivität des Bildungssystems zu ziehen sein?

Hartmann: Die Exzellenzinitiative hat in erster Linie eine unübersehbare vertikale Ausdifferenzierung der deutschen Hochschullandschaft zur Folge, eine neue Hierarchie zwischen bisher als relativ gleichrangig geltenden Bildungsinstitutionen. Dass sie nicht nur, wie immer wieder betont, die schon lange bestehenden Unterschiede zwischen den deutschen Universitäten endlich sichtbar macht, sondern sie entscheidend verschärft, ja zumindest teilweise überhaupt erst produziert, zeigt sich besonders auf der symbolischen Ebene. Hier gibt es jetzt eine im deutschen Hochschulsystem zuvor unbekannte Differenz zwischen Elite und Masse. Was in der allgemeinen wie auch der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auf jeden Fall von der Initiative hängen geblieben ist, das ist der inoffizielle Titel einer Eliteuniversität. Wie schnell sich die neue symbolische Hierarchie etabliert hat, zeigen erste Daten über die Hochschulwahl unter Studierenden.

Stratmann: Was heißt das konkret?

Hartmann: Bei denjenigen, die einen Abiturdurchschnitt von 1,2 und besser aufweisen, hat sich binnen nur drei Jahren eine gravierende Veränderung ergeben. Innerhalb dieser besonders leistungsstarken Gruppe haben die, die aus akademischen Elternhäusern kommen, bereits 2006 zu 42 Prozent an einer der neun Eliteuniversitäten studiert. Bis 2009 ist der Anteil auf 50 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist er bei denjenigen, die nicht aus Akademikerfamilien stammen, von 33 auf 30 Prozent zurück gegangen. Die soziale Differenz innerhalb dieser kleinen Gruppe besonders „guter“ Abiturienten hat sich mehr als verdoppelt. Das zeigt, welche Konsequenzen bei der sozialen Rekrutierung der Studierenden zu erwarten sind. Über die nächsten Jahre und Jahrzehnte wird sich das aus anderen Ländern mit Eliteuniversitäten bekannte Muster sozialer Exklusivität Stück für Stück durchsetzen.

Stratmann: Ein Fazit könnte also lauten: Eliteuniversitäten ziehen die besser gestellten Studierenden an.

Hartmann: Die symbolische Wirkung des Wettbewerbs ist nur das eine. Es gibt auch ganz unmittelbar finanzielle Konsequenzen. Betrachtet man die Verteilung der Exzellenzmittel in den ersten beiden Runden, so wird die vertikale Differenzierung der Hochschullandschaft durch die Exzellenzinitiative sofort deutlich. Die Konzentration der Mittelvergabe fällt in ihr mehr als doppelt so stark aus wie in der DFG-Förderung zuvor. Das wird nach der dritten Runde kaum anders sein. Außerdem hat sich durch die Exzellenzinitiative eine sehr negative Entwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs enorm beschleunigt. Der Anteil zeitlich eng befristeter Verträge hat wegen der zeitlichen Begrenzung der Exzellenzinitiative und der generell immer wichtiger werdenden Rolle der Drittmittel massiv zugenommen.

Stratmann: Herr Hartmann, herzlichen Dank für dieses Interview.