Mädchen brauchen keinen separaten Unterricht

bunte Stühle

Foto: © Bettina Malter

Die NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann fordert getrennten naturwissenschaftlichen Unterricht für Mädchen und Jungen. Dass dieser Vorschlag ausgerechnet von einer Grünen-Politikerin kommt, ist verwunderlich – verfestigt die Geschlechtertrennung in der Schule doch gerade Stereotypen.

Mädchen und Jungen werden von klein auf – durchaus unbewusst – von ihren Eltern und der Umgebung unterschiedlich geprägt. Das beginnt schon bei der Sprache.  Studien zufolge wird mit Mädchen in einem „weiblich-privaten“ Sprachstil kommuniziert, mit Jungen im „männlich-öffentlichen“. Schon allein aus solch verschiedenen Kommunikationsstilen entwickeln sich verschiedene Denkkonzepte.

Deswegen ist klar: Solange Mädchen und Jungen unterschiedlich erzogen werden, brauchen sie einen unterschiedlichen Zugang zu Phänomenen wie der Naturwissenschaft, um sie verstehen zu können. Doch daraus den Schluss zu ziehen, Mädchen und Jungen im naturwissenschaftlichen Unterricht zu trennen, ist dieselbe schlechte Logik mit der die Dreigliedrigkeit des Sekundarschulsystems immer noch verteidigt wird.

Unter dem Vorwand der individuellen Förderung werden die „Guten“ von den „Schlechten“ getrennt. Doch wie Studien zeigen, hilft das keiner der beiden geschaffenen Gruppen. Darüber hinaus wird den „Schlechten“ eindrücklich gezeigt: Ihr könnt das nicht! Das führt zu mangelndem Selbstbewusstsein, das wiederum zu schlechterer Motivation und schlechterer Leistung.

Bei der Geschlechtertrennung passiert genau das Gleiche: Die Stereotypen werden in der nächsten Generation verfestigt: Mädchen sind eben anders, sind schlecht in Naturwissenschaften, kommen mit dem „normalen“ Unterricht nicht klar und brauchen deshalb eine spezielle Förderung. Am besten durch Zugänge wie „Chemie braucht ihr für Kosmetik“, wie es Frau Löhrmann sagt! Ein Grüne. Man möchte mit Tomaten nach ihr werfen.Was Mädchen und Jungen in der Schule wirklich brauchen, sind Lehrkräfte, die ihre eigene Rolle und ihre eigenen Vorurteile (gegenüber Geschlechtern, sozialen Schichten etc.) kritisch reflektieren, die  Angebote für verschiedene Lerntypen machen, nicht für Jungen und Mädchen, nicht für „Schlechte“ und „Gute“.

Den Kommentar schrieb Nele Haas. Sie ist Autorin des Selbstporträts „Ich bin Frau und kann Mathe.“

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