Bildung braucht mehr als einen Schmied

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Foto: © Bettina Malter

Die junge Generation lebt nach dem Credo „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Damit ignoriert sie die real existierenden Hürden und gibt ihre gesellschaftliche Verantwortung ab, ohne es zu merken.

83 Prozent der 18 bis 35-Jährigen leben laut der aktuellen Neon-Umfrage nach dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Die Mehrheit unserer Generation ist also überzeugt, dass Glück und Erfolg allein von einem selbst abhängen. Wer seine Ziele nicht erreicht, hat sich eben nicht genug angestrengt.

Im Grunde stimmt es auch, sonst hätte diese Redewendung nicht Tausende von Jahren überlebt, um heute wie ein Leitspruch für eine junge Generation zu stehen. Doch hinter diesem Lebensmotto steckt eine Gefahr: Es gibt wenig Verständnis für die Hürden und das Scheitern anderer. Gerade in Diskussionen zum Thema Bildungspolitik, in denen man zu erklären versucht, wie ungerecht unser deutsches Bildungssystem ist, stößt man häufig auf Unverständnis und wieder und wieder begegnet einem der Satz: „Aber jeder ist dafür selbstverantwortlich.“

Dieser Satz ist ein Totschlagargument, das einen erst einmal mundtot macht, das einen für einen Moment gefrieren lässt – bevor man sich innerlich aufrafft und versucht gegen diesen Schlag anzukämpfen. Aber wie soll man jemanden überzeugen, dass ein Fehler im System liegt, wenn derjenige die Gründe nicht einmal versucht in den Strukturen zu suchen, sondern den Grund allein bei den Menschen selbst sieht?

Dass ein Kind auf eine Hauptschule kommt – selbst schuld. Dass Arbeiterkinder seltener ein Studium beginnen als Akademikerkinder – selbst schuld. Dass es kaum Studierende mit Migrationshintergrund gibt – selbst schuld. Mit dieser Einstellung lässt es sich offenbar gut leben.

Aber wir hieven damit unsere gesellschaftliche Verantwortung für ein gerechtes Bildungssystem zu sorgen, jedem gleiche Chancen zu ermöglichen, auf die Schultern jedes Einzelnen. Wer versagt ist selber schuld. Vielleicht sind deswegen auch 75 Prozent unserer Generation nicht beleidigt, wenn man sie als unpolitisch bezeichnet. Denn dann müssten wir uns damit auseinandersetzen, was alles schief läuft. Und damit, dass es Situationen gibt, in denen wir den Schmied einfach Schmied sein lassen müssen.

 

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